Wohlstand schrumpft Hirn

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Auch Peter Schaar warnte bei der Literarischen Woche Bremen vor den bösartigen Geheimdiensten. Anders lautende Stimmen waren leider nicht eingeladen.

Syke - Was war? Was wird? "Bruggaiers Kulturwochen" schauen hin.

Was war?

Die Literarische Woche Bremen diskutiert über gesellschaftliche Überwachung und findet diese grundsätzlich besorgniserregend: Dafür gibt es gute Gründe. Autoren, deren Meinung hiervon abweicht, sind zu dieser Diskussion nicht eingeladen worden: Dafür kann es gute Gründe geben. Die Veranstalter glauben, es gebe in der Literatur gar keine Autoren mit anderer Meinung: Das ist kein guter Grund, sondern reiner Blödsinn.

Bei Meinungen, die sämtlichen Autoren eines Landes nichts als einträchtige Zustimmung abringt, handelt es sich um wahre Raritäten. Die These, dass Bücher eine ganz brauchbare Erfindung sind, könnte vielleicht so eine Rarität sein. Oder dass verregnete Januare abgeschafft gehören.

Doch schon wenn es um Krieg geht, ist der traute Konsens vorbei – da reicht die Palette von radikalen Pazifisten wie Kurt Tucholsky bis zu Kriegsverherrlichern wie Rudolf Alexander Schröder. Dabei trennt sich mit der Spreu vom Weizen keineswegs immer auch das Gute vom Bösen: Homers affirmative Haltung zum trojanischen Gemetzel etwa stößt heute noch auf das Wohlgefallen einer breiten Leserschaft.

Weil mehr Überwachung in der Vergangenheit oftmals gleichbedeutend war mit mehr Zensur, kann es nicht überraschen, dass Verständnis für NSA und Vorratsdatenspeicherung unter Autoren dünn gesät ist. Doch es ist vorhanden, etwa bei Clemens Meyer, der nicht zu Unrecht darauf verweist, dass dieser Big Brother von uns Bürgern selbst erschaffen wurde: durch naive Preisgabe persönlichster Daten im Netz. Die Aufregung über NSA und Spähaffäre findet er „oberflächlich“ und „politisch überkorrekt“.

Kann man anders sehen. Aber macht nicht gerade das Diskussionen aus?

Was wird?

Erstmals auf diese Geschichte gestoßen bin ich in Richard Powers Roman „Orfeo“. Ein schlesisches Kriegsgefangenenlager im Winter 1941. Bei Temperaturen unter minus 20 Grad kommt es in Baracke Nummer 27 zu einer denkwürdigen Uraufführung. Inmitten des Elends aus Kälte, Hunger und Krieg intonieren ein Klarinettist, ein Cellist, ein Geiger und ein Mann am Klavier ein Stück, das sich „Quatuor pour la fin du Temps“ nennt: „Quartett für das Ende der Zeit.“ Komponiert worden ist es vom Häftling Olivier Messiaen, Monatelang haben seine Mitgefangenen für die Instrumente gespart. Die Erlaubnis aber geht auf das Drängen des Offiziers Carl-Albert Brüll zurück. Der gute Deutsche, der im Feind das musikalische Genie erkennt, ihm auch noch Notenpapier und Stifte besorgt: Das klingt nach arg viel Hollywood für die Wirklichkeit.

Doch die Geschichte stimmt. „Nie wieder hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört wie damals“, soll Messiaen später über das Konzert in der schlesischen Eishölle gesagt haben. Warum nur kommt es mir so vor, als ginge mit einem Wachsen des Wohlstands immer auch ein Schrumpfen von Aufmerksamkeit und Verständnis einher?

Termine:

Montag, 12 Uhr, Obere Rathaushalle Bremen: Verleihung des 61. Bremer Literaturpreises.

Mittwoch, 20 Uhr, Glocke Bremen: 4. Philharmonisches Kammerkonzert mit „Quatuor pour la fin du Temps“ von Olivier Messiaen.

Donnerstag, 20 Uhr, Schauspielhaus Hannover (Cumberlandsche Galerie): „So oder so“ mit Liedern von Hildegard Knef, Premiere.

Samstag, 19 Uhr, Theater Bremen: „Le nozze di Figaro“, Premiere.

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