Das Syker Vorwerk feiert die junge Malerei –  und das Duo

Wo die Zwerge wohnen

im Vorwerk gibt’s in diesen Tagen sogar noch Toast Hawaii: Albrecht/Wilke, „Bei Gitti“.
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im Vorwerk gibt’s in diesen Tagen sogar noch Toast Hawaii: Albrecht/Wilke, „Bei Gitti“.

Syke – Jägerzaun und Gartenzwerg – es gibt wohl kaum etwas, das dem Bild vom spießigen Deutschen so sehr entspricht. Man sieht ihn förmlich vor sich den gepflegten Garten, natürlich mit akkurat gemähtem Rasen. Umgeben von eben jenem Jägerzaun. Hinter dem nicht nur die Gnome wohnen, sondern meist auch ein Dackel. Oder irgendein anderer Kläffer. Alles ganz ordentlich, angepasst – und langweilig. Oder doch nicht? Sind diese Sinnbilder deutscher Tradition vielleicht nicht ganz so überholt und spießig? Ein Eindruck, der einen zumindest im Syker Vorwerk beschleicht.

Dort sind ab morgen Gartenzwerge zu Hause: in den Arbeiten des Künstlerduos Albrecht/Wilke. Die beiden jungen Künstler sind Teil einer neuen Doppelausstellung. Zwei Duos sind es, die unter dem Titel „Liebesgrüße aus Syke“ aufeinandertreffen. Zu einer unbedingt sehenswerten Hommage an die Malerei, die vor allem die Liebe der Künstler zum Medium feiert.

Ein Hochgefühl, das diese vier jungen Männer in der kleinstmöglichen Gruppe zelebrieren, dem Duo. Dabei verbinden Albrecht/Wilke beziehungsweise Mehmet & Kazim – alle vier sind dem „Bad Painting“ zuzuordnen – die gemeinsame künstlerische Intention – wer hier was und wie viel auf die Leinwände gebracht hat, ist nicht zu erkennen und auch nicht wichtig. Stattdessen erhält der Betrachter einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der sogenannten Generation Y, den in den frühen 80er- bis späten 90er-Jahren Geborenen, verbunden mit einem ebenso intelligenten wie humorvollen Blick auf Tradition und Zuschreibungen.

So auch beim Duo Albrecht/Wilke, das uns mit einem Clash der Traditionen versorgt, natürlich inklusive Gartenzwerge. Auf großformatigen Leinwänden liegen dünne Farbschichten neben fingerdicken Streifen, die mitunter über den Rand des Rahmens hinausquellen. Eine Struktur, die das Hauptaugenmerk unweigerlich auf die Gartenzwerge lenkt, kleine Kerlchen, die mitunter im Raum zu schweben scheinen und ziemlich niedlich aussehen. Aufstellen würde man sie sich wahrscheinlich trotzdem nicht, was sollen denn die Nachbarn denken?

Doch nicht nur Gnome beherrschen die Werke des Duos, von denen sieben zum ersten Mal zu sehen sind, sondern auch Nahrungsmittel, genauer, Dinge, die die beiden gerne essen. So treffen Gartenzwerge auf Mettbrötchen. Nicht zu vergessen der riesige Toast Hawaii, der auf einer Leinwand prangt. Speisen, die seit Generationen in deutschen Haushalten zubereitet werden – und eben auch einen Teil unserer Tradition ausmachen. Was manch einem möglicherweise gar nicht so bewusst ist.

„Liebesgrüße aus Syke“ bleibt aber nicht auf der Leinwand. Die Künstler nutzen auch die Wände des Vorwerks. Bei Albrecht/Wilke sind es Verweise auf die 90er-Jahre-Ästhetik, wie Tribal-Motive. Anders sieht die Sache beim Duo Mehmet & Kazim aus, die beiden lassen ihre Arbeiten quasi den Rahmen übertreten, indem sie einzelne Elemente aus den Gemälden auf die Wände malen.

Die beiden Cousins kommen aus der HipHop- und Graffiti-Szene, und obwohl sie sich nicht gerne auf ihren Migrationshintergrund reduzieren lassen, beschäftigen sie sich in ihren Arbeiten doch damit. Nicht nur, indem sie in Rot und Weiß (den Farben der türkischen Nationalflagge) malen, sondern auch, weil sie immer wieder mit jenen Zuschreibungen spielen, die andere ihnen aufstülpen.

So tragen ihre „Kissing Cousins“ – das Alter Ego der beiden, das auf ihren Professor, den Künstler Markus Oehlen, zurückgeht – stets einen Fes auf dem Kopf und trinken mitunter Raki. Oder sie stolpern in Adidas-Klamotten durch die Welt. Kleidungsstücke, die immer wieder Teil der Vorurteile sind, mit denen manch einer auf die türkischstämmige Bevölkerung blickt. Indem sie sich diese Klischees zu eigen machen, nehmen sie ihnen nicht nur den Biss, sondern halten uns einmal mehr den Spiegel vor. Auf dass wir uns ändern mögen.

Doch Mehmet & Kazim haben nicht nur die „Kissing Cousins“, inklusive Animationen, ins Vorwerk gebracht. Im oberen Stockwerk gibt es auch vier Arbeiten aus einer Reihe von 2018 zu sehen. Sie zeigt überdimensionale Jeansjacken. Jacken, wie sie auch Gangmitglieder gerne tragen. Und wer einen Migrationshintergrund hat, ist schließlich Mitglied einer Gang – das weiß ja wohl jeder. Ein Vorurteil, das die beiden auf geniale Weise entkräften. Denn auf den Rücken der Jacken, die sogar riesige Knöpfe aus dem 3-D-Drucker haben, guckt dem Betrachter nicht das Emblem einer Schlägertruppe entgegen. Nein, hier gibt es visuelle Verbeugungen vor den „Blue Riders“ (inklusive Pferd mit Sonnenbrille) und dem „Majestic Beuys“. Ja, Mehmet & Kazim sind Mitglieder einer Gang. Der besten und einfallsreichsten der Welt, der Künstlergang.

Sehen

Die Ausstellung ist bis zum 22. November im Syker Vorwerk zu sehen.

Von Mareike Bannasch

Halten uns den Spiegel vor: Mehmet & Kazim, „Zwei Wilde auf dem hohen Ross“.

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