Bremer Verlag veröffentlicht Klassiker neu

Sie wissen nicht, was sie tun

Bremen - Es werde das wichtigste Buch sein, dass er jemals verlegt haben werde, gab Helmut Donat, Inhaber des Bremer Donat-Verlages vor einigen Jahren zu Protokoll. Die Rede war von Hans Paasches „Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“, dem Buch, das ihn überhaupt erst zum Verleger gemacht habe.

Paasche, 1881 geboren, war als Oberleutnant 1904 bei der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika im Einsatz gegen den Maji-Maji-Aufstand, wurde angesichts deutscher Gräueltaten zum Kritiker der deutschen Kolonialpolitik und 1909 aus dem Militärdienst entlassen. Wenige Jahre später gehörte er zu den Gründern des Deutschen Vortruppbundes und der Zeitschrift „Der Vortrupp“ – was martialischer klingt, als die Zielsetzungen des Vereins es waren. Da ging es um Vegetarismus, Naturheilkunde, Pazifismus. In diesem Kontext sind die Briefe zu lesen, die Paasche erstmals in Teilen im „Vortrupp“ veröffentlichte.

Er lässt darin Mukara seinem König Ruoma von Kitara von seiner Reise durch Deutschland berichten. Seltsames muss er sehen: So bestünden Frauenkörper aus zwei Teilen, die nur lose miteinander verbunden seien „und durch ein äußeres, starres Gerüst zusammengehalten werden“. Vermutlich eine uralte Erfindung der Männer, um die Frauen schwach zu halten. Über deutsche Essgewohnheiten weiß er zu berichten, dass ein „Sungu“, so nennt Paasches Kunstfigur die Deutschen, nicht mit dem Essen warte, „bis sich Hunger meldet, sondern er geht hin und versucht, ob er irgend etwas ausfindig macht, was er gerne schlucken möchte.“ Gelegentlich versucht Paasche auch, die Deutschen, denen das Buch schließlich zugedacht ist, bei ihrer Moral zu packen: Seine Schilderung der Feiern zu Kaisers Geburtstag lässt in ihrer satirischen Schärfe an Heinrich Manns „Untertan“ denken, wobei die Frage natürlich wäre, ob ein Schwung betrunkener Reichsbürger unterm Wirtshaustisch nicht weit angenehmer, weil ungefährlicher, für den Rest der Welt wäre, als eine abstinente Schutztruppe im Dienst.

Der künstlich distanzierte Blick auf die eigene Gesellschaft, den sich Paasche hier gestattet, wirkt gelegentlich erstaunlich aktuell: Wenn er Lukanga Mukara beispielsweise über „die Narrheit, die die Wasungu 'Volkswirtschaft' nennen“, grübeln lässt. Einen „Narren, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, aufzuschreiben, wie viele Menschen, Tiere, Steine, Kürbisse, Bäume auf dem Wagen hin und her gesandt werden“, und der mit Stolz verkündet, dass es jedes Jahr mehr würden, fragt Mukara, wann es denn genug sei. „Er wusste das nicht.“ So lapidar dürfte der Wachstumsfetisch selten ad absurdum geführt worden sein.

Dass Paasche sich mit seinen Ansichten nicht nur Freunde machte, überrascht kaum. Früh warnt er nach dem Krieg vor Revanchismus, begrüßt den Verlust der Kolonien, engagiert sich in der Rätebewegung. Und wird mit nicht einmal 30 Jahren unter nie geklärten Umständen von Reichswehrsoldaten auf seinem Gut aufsuchen, angeblich auf der Flucht, erschossen“.

Um ein Volk unter Völkern zu sein, ein „glückliches Volk“, empfahl Paasche übrigens: „sich restlos in die anderen verlieben“.

Hans Paasche: „Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“: 12,80 Euro, Donat-Verlag

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