„Im Fokus“: Kunsthalle Bremen präsentiert Fotografie und Videokunst aus der eigenen Sammlung

Der Wirklichkeit des Bildes auf der Spur

Sam Taylor-Wood: Escape Artist (Green and Red), 2008 ·
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Sam Taylor-Wood: Escape Artist (Green and Red), 2008.

Bremen - Von Rainer Beßling. Es ist nicht das, wonach es aussieht. In dem Gemälde mit verführerisch exotischen Fernostimpressionen sind harte Rauschmittel verborgen. Für die kitschige Seelandschaft wurde Kokain vermalt. Praktischerweise lässt sich die Droge von der Farbe wieder lösen.

Der Fotograf Boris Becker nimmt in seiner Serie „Fakes“ noch andere Untergründe, Hintergründe und auch Abgründe von Bildern und Objekten in den Blick. „Piranha Kokainpaste Kolumbien, 2001“ zeigt den bissigen Räuber aus Südamerika wie auf einem Frühstücksbrettchen serviert. Der Fisch gilt gegrillt als Delikatesse. Hier allerdings sehen wir den Piranha als Drogenkurier, von Becker aufgefunden in der Asservatenkammer des Kölner Zollkriminalamtes.

Was sagen uns Bilder über die Wirklichkeit? Helfen sie, hinter die Oberfläche zu schauen und das Wesen der Dinge zu verstehen, oder reihen sie sich ein in den bloßen, bisweilen schönen Schein? Können wir Fotografien vertrauen, speziell angesichts der Manipulationsmöglichkeiten mittels digitaler Technik? Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des stehenden und bewegten Bildes, insbesondere des visuellen Angebots der neueren Medien: Das ist ein Themenschwerpunkt der Ausstellung „Im Fokus“, mit der die neue Kustodin Sabine Maria Schmidt in der Kunsthalle Bremen ihr kuratorisches Debüt gibt. Fokussiert oder unscharf, im Zentrum oder am Rand – wo ist das Kameraauge der Realität am nächsten?

Mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit verknüpft ist die nach dem Verhältnis von Informationsgehalt und Verführungsmacht des Medienbilds. Ein Beispiel künstlerisch-fotografischer Auseinandersetzung mit diesem Thema ist Thomas Ruffs „Substrat 18 L“. Comics sind so weit geschichtet und vervielfacht, dass ein schwimmendes, unscharfes Bild entsteht. Reizvolle, üppig ausblühende, vorbeirauschende Farbschemen treten an die Stelle von Inhalt und Bedeutung – Sinnbild für Fluss und Flüchtigkeit als Kennzeichen heutiger emotionaler Wahrnehmungsrealität fernab von Verständnis.

Schmidt, die von 1997 bis 1999 als Volontärin an der Kunsthalle Bremen und danach als Kustodin am Duisburger Lehmbruck Museum und am Folkwang Museum Essen tätig war, zeigt in ihrer Antrittsschau mehr als 150 Fotografien und Videoarbeiten aus der Sammlung der Kunsthalle Bremen. Dass sie dazu vergleichsweise wenig Vorbereitungszeit hatte, sieht man der Präsentation nicht an. Die für Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart zuständige Kustodin scheint sich schnell in den Fundus des Hauses eingearbeitet und sowohl Strukturen als auch herausragende Stücke gefunden zu haben. Die Auswahl wirkt alles andere als beliebig – und fächert zugleich unterhaltsam ein breites Spektrum auf. Zahlreiche Arbeiten werden zum ersten Mal ausgestellt.

Die Exponate illustrieren keine Medienkritik oder Theorie der aktuellen künstlerischen Fotografie, sondern haben genügend Raum, für sich zu wirken und in Korrespondenz Themenstränge zu umkreisen, wobei sich immer wieder Rückblenden anbieten. Eine Edition von Hiroshi Sugimotos „Seascapes“ sensibilisiert den Blick des Betrachters für kleinste Varianten in minimalistischen Aufnahmen eines Horizonts mit Meer und Himmel aus grauem Dunst von immer gleichem Standpunkt. Den Wechselfällen der Natur und dem Licht als Basis der Fotografie ist hier die Führungsrolle überlassen. Inszenierung und Autorenschaft des Fotografen sind ausgeblendet. So wie Sugimoto erscheinen auch die leisen Fotografien Cordula Schmidts etwa von Gebäuden mit verschiedenem Sonneneinfall im Tagesverlauf als Zeitstudien und wie Gegenpole zum aktuellen Bilderrauschen.

Das Fernsehen als (noch) eines der Leitmedien zeigt sich vielfach in der Fotografie gespiegelt, wobei es immer wieder zu Verknüpfungen mit anderen Genres kommt. Das Künstlerduo „M + M“ (Marc Weiss und Martin de Matti) sammelt Sequenzen aus Fernsehnachrichten und verweist mit ornamentalen Szenen-Bändern auf die Struktur, Gleichförmigkeit und Suggestivität von TV-Formaten. Ihre Fassung der aggressiven, Weltmacht einfordernden Rede Putins 2007 vor der Münchner Sicherheitskonferenz haben M+M als Zeitschrift publiziert und für die Bremer Ausstellung in eine Installation umgewandelt: „Panic Wall“.

Unter Ich-Inszenierungen und Selbst-Bespiegelungen finden sich beispielsweise das erste Video von Pipilotti Rist, ein wilder, regelferner Tanz um Geschlechterrolle und Videoformat, sowie eine wunderschöne Fotografie von Sam Taylor-Wood, die nach überstandener Krebs-Erkrankung ihren Körper scheinbar fliegen lässt. Ablösung von der Erdhaftung, Abheben mit der Kunst oder Loslösung von der Künstlerrolle? Das bleibt in der Schwebe.

Als ein Ort der Fotografie wird mit Martin Honerts Raumbild „Foto“ das Familienalbum aufgeblättert. Zugleich zeigt sich hier das visuelle Gedächtnis als verlässlicher Speicher von anhaltenden Empfindungen in der Kindheit. Egbert Trogmann wählt als Ort seiner Aufnahmen Fernsehstudios, fotografiert das Publikum und schafft eine merkwürdige Spannung aus inszenierter Traumwelt und karger Kulisse, in der die spröde Lebenswirklichkeit der Besucher nachklingt. Das Publikum von Diskotheken zeigt Tom Wood in seiner Serie „Looking For Love“: Tanzende in nahezu verzweifelter Umklammerung. Die Ödnis und Tristesse der Lokalität erscheint von der Suche nach Nähe, nach Amüsement oder der Flucht aus der Einsamkeit aufgeladen. Wie beiläufig in den Fokus geraten, erzählt Woods Straight Photography trocken anrührend von Schicksalsmomenten und Grundempfindungen.

Kunsthalle Bremen,

bis 5. Januar 2014.

Mi bis So, 10 bis 17 Uhr,

Di, 10 bis 21 Uhr.

Eintritt: 8 Euro.

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