Marc Becker überzeugt mit seiner Uraufführung „Aus der Mitte der Gesellschaft“ am Staatstheater Oldenburg

Die wirkliche Wahrheit liegt zwischen den Extremen

Ist das die Mitte?

Von Corinna LaubachOLDENBURG (Eig. Ber.) · Gehört man nun zur schweigenden Mehr- oder zur schweigenden Minderheit? Wo gibt es noch Perspektiven? Und zu welchem Preis? Ist das Leben ein einziges Wartezimmer voller Neid, Missgunst und Kälte?

Unzählige Fragen wirft das Quartett auf der Bühne in den Raum. Für die Antworten, so viel soll gleich vorweggenommen sein, ist das eigene Denken gefordert. Vorgekaute, vereinheitlichte Meinungen die gibt es nicht mit auf den Weg in Marc Beckers neuestem Stück „Aus der Mitte der Gesellschaft“, das jetzt seine Uraufführung im Kleinen Haus am Staatstheater Oldenburg feierte.

Das Thema ist abstrakt, und doch erhitzt es die deutschen Gemüter enorm, wie man aktuell an der Sarrazin-Debatte beobachten kann. Die Definition ist schwammig. „Mitte“: Für Becker ist es das Gerüst der Gesellschaft, das dafür sorgt, dass das Leben so funktioniert, wie es funktioniert. Die Mitte, so verbreiten vor allem Politikparolen, ist eine schwindende Einheit in unserem Land. Den Ängsten, Sorgen und Nöten dieser Menschen zwischen den Extremen von Arm und Reich widmet sich Theaterautor Marc Becker insbesondere höchst effektiv mit Klischees. Natürlich kann ein „Kevin“ kein Abitur machen, natürlich ist der Fernseher derart raumeinnehmend, damit das eigene Leben auch größer und breiter erscheint, natürlich muss man Angst vor der Übermacht der Chinesen haben. Man lebt schon, so irgendwie. Und eigentlich: Ist es nicht besser, keine Meinung zu haben? Mit all diesen zwar oftmals plattitüd wirkenden Aussagen trifft er dennoch einen Kern an Wahrheit.

Auf der kargen Bühne schwebt ein monströser Pappstein (Bühne Harm Naaijer) über den Köpfen vier exemplarischer Menschen aus der Mitte. Namen brauchen sie nicht. Wohl aber eine Lebensanleitung. Zunächst als Abendgesellschaft im feinen Schwarzen, wird die Welt dann kostümlich unschuldig Weiß (Kostüme Alin Pilan), bevor es grellbunt zugeht. Zwischen den Extremen, da liegen wahrscheinlich die wirklichen Wahrheiten.

In 90 Minuten ununterbrochenem Redeschwall knallen Sarah Bauerett, Bernhard Hackmann, Sebastian Herrmann und Denis Larisch dem Publikum Stammtischparolen, globale Ängste und Neiddebatten um die Ohren, dass einem schwindelig wird. „Sprachkonzert“ nennt Marc Becker seine Inszenierung im Untertitel. Sprachbombardement trifft es eher. Sein Stück ist ein, von einigen Dialogschwächen abgesehen, temporeicher, schlau konstruierter Abend voller Zynismus, böser Spitzen und doch reichlich Humor. Was nicht zuletzt an der überzeugenden Darstellungskraft der vier Akteure liegt. Mal sprechen sie chorisch, mal im Kanon, mal singen sie, mal wiederholen sie ununterbrochen Satzfetzen, mal beweisen sie erstaunliche Fähigkeiten als Instrumentalkünstler. Eine simple Methode, die nie einfältig wirkt.

Becker und sein Ensemble halten der Mitte im Publikum den Spiegel vor. Zwar sitzen sie dort, die Angestellten, die Akademiker, die Selbstständigen, und sie lachen über das vermeintlich Komische auf der Bühne. Doch eigentlich ist das Stück zum Weinen, zeigt es doch vielfache Lebensrealität „Hilfe, ich stagniere“. Die Botschaft: Engagiert euch, habt eine Meinung und handelt. Ein Denkanstoß.

Weitere Aufführungen: am 17. und 26. September um 20 Uhr im Kleinen Haus.

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