Barockspezialist Reinhard Goebel und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen interpretieren Werke vom Barock bis zur Klassik

Nur was wirklich bewegt, ist künstlerische Gegenwart

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Experte für historische Aufführungspraxis: Reinhard Goebel dirigiert die Deutsche Kammerphilharmonie. ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeZweifellos ein bewegendes Konzert, das letzte Premieren-Abokonzert der Deutschen Kammerphilharmonie, das morgen als Mini-Abokonzert in der Glocke noch einmal zu hören sein wird.

Das Programm führte vom Barock zur Klassik und zeichnete an Beispielen von Johann Friedrich Fasch, Antonio Vivaldi, Georg Philipp Telemann, Johann Christian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart einen Weg der Solobläser in den Concerti grossi und Sinfonien nach. Das bedeutet auch den Weg von höfischer Gesellschaftsmusik (Fasch, Vivaldi und Telemann) bis zu schon tieferer Ausdrucksmusik bei Christian Bach und natürlich endgültig bei Mozart mit seiner Sinfonie Concertante KV 320. Das Prickelnde und Ereignishafte des Konzerts war die ungemein vielseitige Vorstellung der Bläser: der Flöten von Bettina Wild und Ulrike Höfs, den Oboen von Rodrigo Blumenstock und Ulrich König, den Klarinetten von Matthew Hunt und Kilian Herold, den Hörnern von Elke Schulze-Höckelmann und Markus Künzig, den Fagotten von Higinio Arrué und Nicole King, aber auch der Solovioline von Meesun Hong Coleman und dem Cello von Tristan Cornut. Was wir längst wissen, dass dieses Orchester aus blendenden Solisten besteht, erfuhr an diesem Abend einmal mehr eine ganz besondere Vertiefung und Präsentation.

Groß war die Spannung auf die Begegnung mit Reinhard Goebel, der nach Pionierleistungen mit seiner Barockgeige und seinem Ensemble „Musica Antiqua Köln“ 33 Jahre lang an der Spitze der historischen Aufführungspraxis stand und sich 2006 dafür entschieden hat, als Dirigent großer Orchester weiter zu musizieren. Er dirigiert heute die namhaften Orchester der Welt und sagt in Bezug auf die Korrektheit historischer Spielweise: „Letztlich ist ja die Frage, ob es so war, völlig unbedeutend. Denn nur was emotional wirklich bewegt, ist künstlerische Gegenwart“.

Das kann auch als Motto für diesen Abend gelten, denn es wurde ein mitreißendes Konzert mit sprudelnden Einfällen und meist sehr schöner klanglicher Ausgewogenheit. Die explosiven Concerti von Vivaldi straften Igor Strawinski Lügen, der Italiener habe 500 mal dasselbe Konzert komponiert und ließen Johann Sebastian Bach verstehen, der mehrere Konzerte Vivaldis für die Orgel bearbeitet hat, weil er ihre hohe Qualität erkannte. Schön waren die tänzerischen Betonungen in dem Concerto von Telemann, der die Herkunft aus der Suite verdeutlichte, und der Ausdrucksreichtum von Johann Christian Bachs Sinfonie Concertante Es-Dur, deren langsamer Satz ein Kleinod an Expression ist.

Es muss jeder Hörer für sich selbst entscheiden, ob Goebel die Erlaubnis zur Unrichtigkeit nicht doch überzogen hat, in dem er das alles von modernen Klarinetten, Flöten und Oboen spielen ließ, obschon es beispielsweise die Klarinette im Barock überhaupt noch nicht gab. Der Vorläufer war die sogenannte Chalumeau, die mit ihrer Klappenlosigkeit ganz anders klingt. Nur so ist dann der Brief Mozarts – er hatte im Mannheimer Orchester die neuen Instrumente gehört – von 1778 an seinen Vater zu verstehen: „Ach, wenn wir nur auch Clarinetti hätten! Sie glauben gar nicht, was eine Sinfonie mit Clarinetten einen herrlichen Effect macht!“. Dieser herrliche Effect kam nun allen Wiedergaben zugute, wodurch man natürlich nicht erfahren konnte, um was es da an Tonlichkeit und ihrer Veränderung ging. Schade. Aber Schwamm drüber, war ein sehr schönes Konzert.

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