Klassikboxen von Brilliant Classics überzeugen / Aufnahmen von 1973 wirken lebendig / Paul Dessau mit dynamischer Bandbreite

„Wir sind repertoire- und nicht interpretenorientiert“

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Jörg WoratMusiklabels gibt es wie Sand am Meer. Oft haben sie die eine oder andere Eigenart, doch so eigenartig wie Brilliant Classics sind die wenigsten.

1996 in den Niederlanden gegründet, im Herbst 2012 von der Hamburger Edel AG übernommen, bietet das Label eine enorme Vielfalt: Das Programm reicht von gregorianischen Gesängen bis zu John Cage, von Bach und Beethoven bis zu eher exotischen Komponisten wie Giaches de Wert oder Josef Bohuslav Foerster.

Mal bekommt man eine Einzel-CD, mal eine Box mit 157 Tonträgern. All das zu meist niedrigen Preisen: Die noch recht neue Fauré-Edition mit 19 CDs ist etwa zurzeit für rund 25 Euro zu bekommen, und für die 150-CD-Haydn-Box muss man aktuell nicht mehr als 70 Euro ausgeben.

Eben diese Erschwinglichkeit war von Beginn an die Devise von Brilliant-Gründer Pieter van Winkel, übrigens selbst ein Pianist: „Wenn der Kunde nicht zur Klassik kommt, kommt die Klassik eben zum Kunden“, zitiert ihn Rike Everding, bei Edel für das Klassik-Marketing zuständig und vorher zehn Jahre lang in gleicher Funktion bei Brilliant tätig. Anfangs war das Label weit überwiegend auf den Ankauf von Lizenzen erpicht, inzwischen gibt es wesentlich mehr eigene Einspielungen: „Von 20/80 auf hälftig“, schätzt Everding die entsprechende Entwicklung ein. Bei den niedrigen Verkaufspreisen kann man natürlich keine ganz großen Stars verpflichten: „Wir sind repertoire- und nicht interpretenorientiert“, stellt Everding klar. Das führt zwar zu gewissen qualitativen Schwankungen, dem Erfolg tut es aber keinen Abbruch und dem Output erst recht nicht: „Im Jahr gibt es von uns inzwischen rund 140 Neuerscheinungen.“

Drei Veröffentlichungen der jüngeren Zeit machen beispielhaft die Philosophie des Hauses deutlich. Da ist etwa die 14 CDs umfassende Modest-Mussorgsky-Edition. Dieser Komponist wird üblicherweise auf wenige Werke heruntergebrochen: Es gibt gefühlt mehrere Tausend Einspielungen von „Bilder einer Ausstellung”, und zwar nicht einmal der ursprünglichen Klavierfassung, sondern der von Ravel orchestrierten. Einigermaßen bekannt mögen gemeinhin noch „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ und, zumindest in Auszügen, die Oper „Boris Godunov“ sein.

Wie individuell das Werk Mussorgskys tatsächlich ist, wird erst in dieser fast vollständigen Ausgabe deutlich, von den Lizenzen her eine typische „mixed bag“. Die (recht griffige) „Godunov“-Interpretation stammt von 1952; Boris Christoff singt darin gleich drei Rollen. „Bilder einer Ausstellung“ ist mit einer nicht überragenden, aber gelungenen, weil weitestgehend lebendigen 1973er-Aufnahme des Gewandhausorchesters Leipzig unter Igor Markevitch vertreten. Und der wahre Hit sind die vier CDs mit den selten zu hörenden Liedern: Was Bariton Sergei Leiferkus hier zur Begleitung des Pianisten Semyon Skigin bietet, erreicht theatrale Qualitäten und scheut das bizarre Moment nicht, das für den aufgrund seines Alkoholmissbrauchs schon mit 42 Jahren verstorbenen Komponisten so prägend ist.

Ein Kollege, dessen Werk zuletzt eher mit spitzen Fingern angefasst wurde, ist Paul Dessau – jemand, der sich nach dem Exil in den USA freiwillig in der DDR niederließ und 1969 eine Orchestermusik Lenin widmete, wirkt mittlerweile wohl eher suspekt. Eine Nische, die Brilliant Classics mit einer 12-CD-Box freudig besetzt, durchweg Aufnahmen des DDR-Labels „Eterna“ aus den 60er- und 70er-Jahren. Es liegt nicht nur an Interpreten wie Peter Schreier oder Gisela May, nicht nur an Dirigenten wie Otmar Suitner oder Herbert Kegel, dass diese Zusammenstellung höchst interessante Seiten hat. Vielmehr erweist sich, politische Ansichten hin oder her, dass Dessau einen ausgeprägten Sinn für dynamische Bandbreite, dramatische Wirkungen und stilistische Vielfalt hatte – die Jahre in den USA haben durchaus ihre Spuren hinterlassen. Anspieltipp: Die Oper „Die Verurteilung des Lukullus“, nicht so süffig wie die Brecht/Weill-Kooperationen, aber unter anderem durch ihre Einbindung von geräuschhaften Elementen alles andere als langweilig und verstaubt.

Ein Brilliant-Eigenbau ist schließlich die Doppel-CD „Complete Apparatus Musico-Organisticus“ von Georg Muffat (1653 bis 1704). Organist Adriano Falcioni interpretiert die Musik des Barock-Komponisten, der väterlicherseits schottische, von der Mutter her französische Wurzeln hatte und sich selbst als Deutschen verstand, angemessen vielschichtig, vor allem durch eine eigenwillige Registrierung.

Man darf gespannt sein, was Brilliant für 2014 ausheckt. Einen Ausblick gewährt Rike Everding schon jetzt: „Für den Herbst planen wir eine große Schubert-Edition.“

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