INTERVIEW Bremens neuer Leitender Dramaturg über Utopien und das Stadttheater

„Wir müssen uns noch mehr öffnen“

Von Gent nach Bremen: Stefan Bläske ist neuer Leitender Dramaturg im Theater am Goetheplatz. 
Foto: Kristian Breitenbach
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Von Gent nach Bremen: Stefan Bläske ist neuer Leitender Dramaturg im Theater am Goetheplatz. Foto: Kristian Breitenbach

Bremen – Stefan Bläske (43) hat fünf Jahre lang mit Milo Rau zusammengearbeitet, zuletzt als Leitender Dramaturg am NT Gent in Belgien. Zur nächsten Spielzeit wird er als Leitender Dramaturg Schauspiel an das Theater Bremen wechseln. Allerdings beginnt er erst im Oktober. Unsere Zeitung traf Stefan Bläske anlässlich der Spielplan-Vorstellung.

Herr Bläske, in Corona-Zeiten eine neue Aufgabe zu beginnen, noch dazu in einer neuen Stadt, das ist nicht so einfach, oder?

Nein, das ist tatsächlich nicht einfach, vor allem, wenn man noch in Belgien lebt und arbeitet. Und parallel hatte ich auch noch ein Projekt in der Schweiz zugesagt, bevor die Zusage aus Bremen kam, in Chur. Aber es ist soziologisch interessant, weil man die drei Länder mit all den verschiedenen Vorkehrungen erlebt. Man fragt sich noch, wie weit man in Belgien oder in Deutschland auseinandersitzen muss – dann fährt man über die Grenze und plötzlich nehmen alle die Masken ab, weil die Schweiz ganz andere Regeln hat. Da fühlt man sich schon auch ein bisschen komisch.

Und jetzt sitzen Sie in Bremen. Erzählen Sie doch mal, wie Sie zusammengekommen sind mit Michael Börgerding und dem Theater.

Ich habe mich schon vor vielen Jahren mal bei ihm beworben, da stand ich gerade am Anfang meiner Karriere. Michael hat hier gerade angefangen und eine tolle erste Spielzeit gemacht. Jetzt scheint er meine Mail wiedergefunden zu haben (lacht). In der Zwischenzeit hatte ich natürlich meinen eigenen Weg eingeschlagen und war die letzten fünf Jahre mit Milo Rau unterwegs, erst als freier Dramaturg, dann die vergangenen zwei Jahre als leitender Dramaturg fest in Gent. Da wollte ich weg – und habe, wie man das so macht, ein paar Leuten erzählt, dass ich was Neues suche. Und irgendwann kam ein Anruf von Michael Börgerding.

Milo Rau hat für viel Aufsehen gesorgt, war sehr erfolgreich. Warum wollten Sie weg?

Es war wahnsinnig interessant und ich habe in den Jahren so viel gelernt wie nie zuvor. Mit den Recherchereisen in Mossul, in Sarajewo, überall, und ich hatte auch einen tollen Austausch international – aber die Fassade zeigt eben auch nicht alles, was im Hintergrund passiert. Es war einfach Zeit für etwas Neues.

Gab es Stress?

Sagen wir, es gab verschiedene Vorstellungen darüber, wie man mit Menschen umgeht. Und ich wusste dann: fünf Jahre sind genug.

Jetzt also die Entscheidung für Bremen – und für ein klassisches Stadttheater. Ein bewusst getroffener Entschluss nach den Projekten in der ganzen Welt?

Ja. Weil ich dieses Jetsetten, gerade in Zeiten, in denen völlig zu Recht die Debatten um Flugbenzin und Klimawandel geführt werden, nicht mehr wollte. Ich finde es unabhängig davon aber auch wichtig, dass man langfristig mit Menschen arbeitet. Und ich glaube, dafür ist das Stadttheater einfach ein toller Ort. Ich finde es spannend, sich mit einer Stadtgesellschaft einzulassen, auch mit sozialen Institutionen in der Stadt zu arbeiten, Projekte zum Beispiel im Krankenhaus oder im Altersheim zu machen, also auch für die Menschen, die nicht mehr ins Theater gehen können. Dass man auch mal so rum denkt und nicht nur auf die High-End-Festivals fliegt.

Ihre Vorgänger Benjamin von Blomberg und Simone Sterr hatten unterschiedliche Vorgeschichten und Handschriften, jetzt kommen Sie mit einem wieder anderen Background. Gibt es Absprachen oder Vorgaben von Michael Börgerding?

Natürlich gibt es Verabredungen mit Menschen, die er gerne weiterführen möchte, aber ansonsten hat er mir komplett freie Hand gegeben. Zwei Dramaturginnen sind ja geblieben, eine Stelle war frei, die habe ich mit Anja Sackarendt besetzt, die im Moment noch leitende Dramaturgin in Lübeck ist. Ich glaube, das wird ein gutes Team. Wichtig ist mir, dass man Stadttheater wirklich als Stadttheater begreift. Dass wir künftig noch stärker soziale Themen aufgreifen und die Mauern des Theaters wieder verlassen können.

Wird es so etwas in der nächsten Spielzeit auch schon geben?

Erstmal gibt es ja noch die Corona-Beschränkungen. Außerdem sind wegen Corona drei Produktionen aus dieser in die nächste Spielzeit gerutscht. Im Grunde war der Spielplan, als ich mit Michael die Verabredung getroffen habe, schon zu 80 Prozent gemacht. Aber auch wenn ich noch nicht so stark beteiligt war, kann ich total hinter dem Spielplan stehen.

Gibt es einzelne Produktionen, die Sie noch mit in den Spielplan reingebracht haben?

Ja, ich habe ein kleines Projekt von Laila Soliman, einer ägyptischen Regisseurin, mit reingebracht, es heißt „Wanaset Yodid“. Das steht für mein Interesse an Geschichten aus der Welt. „Mutter Vater Land“ von Akin Sipal greift ähnliche Themen auf, das stand aber schon vorher fest. Alize Zandwijk wird sich ebenfalls mit sozialen Fragen beschäftigen, aber in „Moby Dick“ auch mit dem Thema Mensch-Natur. Ich freue mich sehr, mit ihr jetzt die Sparte zu leiten, sie hat eine wahnsinnig tolle Energie. Ihre „Heilige Johanna“ sitzt wegen Corona leider auf Eis, das hätte sie sonst jetzt herausgebracht. Das Stück hat aber einen zu großen Chor. Es ist vieles auch sehr pragmatisch gerade, es dreht sich um Corona und wie man damit umgeht.

Wie beurteilen Sie die verschiedenen Regie-Handschriften am Haus? Zandwijk, Rothenhäusler, Schumacher, Abt, die sind ja alle sehr unterschiedlich.

Tatsächlich bin ich relativ glücklich mit der Auswahl, die es schon gibt, gerade in der Vielfalt. Ich würde aber gerne auch ein paar neue Akzente setzen und den dokumentarischen Aspekt betonen: die Themen der Menschen aus der Stadt finden und auf die Bühne bringen. Und: Wir brauchen noch mehr junge, weibliche und auch migrantische Positionen und Stimmen.

Milo Rau hat auf die Frage, ob Theater die Welt verändern könne, mit Ja geantwortet. Was sagen Sie?

Einen kleinen Teil der Welt vielleicht – das Bewusstsein der Zuschauer, vor allem aber auch das der Macher. Das ist mir wichtig: Dass es nicht nur auf das Produkt ankommt, das man dann vermarktet, sondern dass der Produktionsprozess und die Art, wie sich Menschen begegnen, auch ernst genommen werden. Also, wenn man nur für den großen theatralen Effekt zwei gegnerische Positionen aufeinander hetzt, dann hat man dadurch nicht zu einem besseren Miteinander der Gesellschaft beigetragen.

Letzte Frage: Wie sollte das Stadttheater der Zukunft aussehen?

Es sollte nach vorne gerichtet sein, es muss Utopien entwickeln, wie wir zusammenleben wollen, zum besseren Miteinander zwischen den Menschen untereinander, aber auch zwischen Mensch und Natur. Ich glaube, da hat Corona vielen die Augen geöffnet – Stichworte Schlachthöfe, Pflegeberufe, Wanderarbeiter und so weiter. Und ich glaube, Theater kann Formen finden, sich damit auseinanderzusetzen – und muss nicht immer nur zurückzublicken auf die Tragödien von vor 200 Jahren oder 2 000 Jahren, auf Könige und alte Geschlechterrollen oder auf Medea, die ihre Kinder umgebracht hat. Wir müssen diese gemeinsamen Utopien entwickeln, und im Idealfall eben nicht nur mit dieser kleinen Blase, die überhaupt nur ins Theater geht. Wir müssen uns noch mehr öffnen für die Stadt.

Von Frank Schümann

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