Interview mit Kurt-Hübner-Preisträger über Sehgewohnheiten und Rassismus

Simon Zigah: „Wir hätten ihn nicht spielen sollen“

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Mark Twains Rassismus thematisiert Simon Zigah in „Huckleberry Finn“.

Bremen - Aktuell gibt er in „Shirin & Leif“ die elegante Perserkatze, aber auch als Sklave Jim in „Huckleberry Finn“ oder als Moderator der Familienkonzerte war Simon Zigah in dieser Spielzeit auf den Bühnen des Theater Bremen zu sehen. Heute erhält der Schauspieler den Kurt-Hübner-Preis. Wir haben vorab mit ihm über Sehgewohnheiten, Völkermord per SMS und politsche Haltung gesprochen.

Herr Zigah, Sie haben nach der Bekanntgabe gesagt, dass Sie an Ihr zehnjähriges Ich im Zuschauerraum denken mussten. Ein kleiner Junge, der damals schon Schauspieler und nicht etwa Lokomotivführer werden wollte?

Ja, eigentlich schon. Mir war aber damals noch nicht klar, ob da oben überhaupt meine Geschichten erzählt werden. Schließlich gab es kaum Schwarze Schauspieler am Theater, beziehungsweise habe ich sie dort nicht gesehen. Außerdem habe ich schon immer gerne auf Familienfesten etwas vorgetragen. Aber dass das ein Beruf für mich sein könnte, war lange überhaupt nicht klar.

In der Begründung der Jury des Kurt-Hübner-Preises wird die „Huckleberry Finn“-Inszenierung besonders hervorgehoben, die auch den Rassismus der Twain-Romane thematisiert. Sie waren offenbar nicht so zufrieden mit der Auswahl des Stücks?

Ich finde Huckleberry Finn ganz furchtbar. Wir hätten ihn nicht spielen sollen. Ich finde es schlimm, dass Stücke wie „Huckleberry Finn“, „Pippi Langstrumpf“ oder der „Struwwelpeter“ heute noch gespielt werden.

Weil der Junge im „Struwwelpeter“ in Tinte getaucht wird?

Ja, denn damit zeigt man den Kindern ja noch mal ganz deutlich, wie scheiße es angeblich ist, schwarz zu sein. Das ist verletzend und sollte nicht auf der Bühne stattfinden. Natürlich spielt da auch eine Erfahrung mit hinein, die ich als Kind gemacht habe: Im Zuschauerraum zu sitzen und zu merken, hierstimmt gerade etwas nicht. Alle anderen um mich herum spüren das aber eben nicht, weil es sie nicht betrifft. Und das wollte ich unbedingt vermeiden.

Wie haben Sie das geschafft?

Der Regisseur Klaus Schumacher, der Autor John von Düffel und ich haben uns zunächst einmal zum gemeinsamen Lesen getroffen. Nach dem ersten Lesen war ich entsetzt, weil so viele Rassismen in diesem Stück sind. Aber trotzdem gibt es etwas Wertvolles in dieser Geschichte: diese Freundschaft, dieser Zusammenhalt – und gleichzeitig diese Ungerechtigkeit. Trotzdem ging es mir und dem Team vor allem darum, eine Geschichte für alle Kinder zu erzählen. Damit sich niemand benachteiligt fühlt und niemand verletzt wird. Und dass sich vielleicht sogar schwarze Kinder noch bestärkt fühlen.

Aber das passiert doch schon dadurch, dass Sie tragende Rollen haben.

Ja, das ist sicher so. Ich bin ja der einzige Schwarze im Ensemble und breche dadurch natürlich die Sehgewohnheiten auf. Ich bekomme oft Briefe von Eltern schwarzer und weißer Kinder, die schreiben, dass es ihre Kinder gestärkt hat, dass ich auf der Bühne stehe. Dass die Jungen und Mädchen an mir sehen: Die Bühne ist für alle da. Egal, ob schwarz oder weiß.

Dass Sie ein sehr politischer Mensch sind, der dies auch auf die Bühne bringt, hat sich auch in „Kosa La Vita“ gezeigt. Eine Produktion, die sich mit dem Bürgerkrieg in Ruanda beziehungsweise einem der Hintermänner befasst, der in Deutschland lebte und den Völkermord von hier befehligte. Warum dieses Stück?

Wir haben das Stück schon vor einigen Jahren angefangen und hatten dazu eine Forschungsresidenz. Auch wieder in den Theaterferien, weil ich ja sonst wenig Zeit habe. Dieser Fall war so interessant, weil es absurd ist, dass Ignace

Murwanashyaka, der Präsident der Hutu-Miliz FDLR (Anm. d. Red.: Forces Démocratiques de Libération du Rwanda), in Deutschland lebt, Hartz IV bekommt und von hier aus diese Gräuel anordnet. Teilweise per SMS. Er hat sein Kind in den Kindergarten gebracht und währenddessen Ermordungen organisiert. Das ist erst einmal absurd und ich finde, dieses Gefälle ist es wert, diese Geschichte zu erzählen. Wir haben das dann in einer etwas anderen Form, als Musiktheater und performatives Stück, erzählt. Deshalb mache ich auch diesen Beruf: Weil ich mich mit Sachen beschäftigen kann, die mir selbst wichtig sind.

Zumal heute Terroristen ihre Attacken ja auch per Handy befehligen, Tausende von Kilometern vom Anschlagsort entfernt.

Ja, das Thema ist immer noch total aktuell. Vor allem haben wir, also die westliche Welt, die Kriegsmethoden, die immer noch stattfinden, erst dort eingeführt.

Auch ohne den aktuellen Bezug zeigt ein Theater mit solchen Inszenierung politisch Haltung. In der heutigen politischen Lage wichtiger denn je?

Auf jeden Fall. Ein Theater muss eine Haltung haben und diese deutlich machen. Da darf man dann auch mal provokant sein. Allerdings ist unter dem Deckmantel der künstlerischen Freiheit natürlich nicht alles erlaubt. Es gibt ja viele Menschen, die mit der künstlerischen Freiheit alles rechtfertigen – auch wenn eine Inszenierung, wie beispielsweise „Huckleberry“ zu Beginn, Menschen wie mich verletzt. Aber es hat nichts mit künstlerischer Freiheit zu tun, andere zu unterdrücken, zu diskriminieren oder vorzuführen. Das ist einfach nur Scheiße.

Wie ist es heute als einziger Schwarze im Ensemble? Man denkt schließlich immer, dass das Theater ein toleranter Ort ist.

Ja, das glauben viele. Aber ich muss leider sagen, dass Rassismus sehr wohl auch in Kulturinstitutionen ein Problem ist. Ich habe insbesondere die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die sich für sehr offen halten, immer total entsetzt sind, wenn sie mit Rassismus in ihrem Umfeld konfrontiert werden. Das erlebe ich oft. Und das ist so fatal, denn die Vermeidung, sich mit Rassismus kritisch auseinanderzusetzen, stützt immer das rassistische System. Obwohl ich auch sagen muss, dass wir im Zuge der Produktion von „Huckleberry Finn“ – und ich finde super, dass der Intendant und die Geschäftsführung sich darauf eingelassen haben – Workshops „Rassismus kritisch denken“ organisiert haben, auf die noch weitere folgen werden. Ich finde es großartig, dass sich ein Haus wie das Theater Bremen darauf einlässt.

Preisverleihung:

Heute, 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

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