Im Interview

Brecht-Schauspieler Werner Riemann feiert am Freitag seinen 85. Geburtstag

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Werner Riemann und Brechts Büste.

Berlin - Von Volker Gebhart. Bertolt Brecht selbst hat ihn eingestellt: Werner Riemann feiert heute nicht nur seinen 85. Geburtstag. Auf den Tag genau ist er auch seit 63 Jahren am Berliner Ensemble tätig. Vom Komparsen über den Regieassistenten bis hin zum Schauspieler: Riemann ist in vielerlei Rollen geschlüpft. Seit 1999 bietet er auch Führungen durch das Haus an. Riemann ist nicht nur der dienstälteste Mitarbeiter des Theaters, sondern auch der einzige verbleibende aus der Brecht-Ära. Im Interview spricht der gelernte Drogist über Begegnungen mit Brecht.

Wie gelang Ihr Einstieg am Berliner Ensemble?

Ich hatte gehört, dass für die Inszenierung „Leben des Galilei“ Mitwirkende als Ankleider des Papstes gesucht wurden. Die sollten 1,80 Meter groß sein. Bei mir war das der Fall, aber ich wäre auch gekommen, wenn ich nur 1,20 Meter gewesen wäre. Ich besuchte an meinem Geburtstag im Januar 1956 das Büro von Intendantin Helene Weigel. Die Damen im Vorzimmer dachten zuerst, bei meinem Geburtsdatum wäre mir ein Fehler im Formular unterlaufen.

Wie verlief dann das Vorsprechen bei Brecht?

Wir standen mit sechs oder sieben Leuten auf der Bühne. Die anderen sahen etwas ängstlich aus, man beobachtet sich ja auch untereinander. Brecht und die ganze Crew, darunter Weigel und Ernst Busch, der dann den Galilei gespielt hat, mit Assistenten etwa 20 Personen, saßen vor der Bühne. Dann hörte man den Brecht: „Der Rothaarige [Riemann hatte rote Haare], der Rothaarige der täte mich interessieren.“

Zuvor hatten Sie schon als Komparse am Maxim-Gorki-Theater mitgewirkt. Sie waren bei ihrer Arbeit in der Drogerie in der Stalinallee angesprochen worden, ob Sie das nicht einmal probieren möchten.

Ja, am selben Abend stand ich in einer Ritterrüstung auf der Bühne, weil ein Lanzenträger ausgefallen war. Alles lief gut, aber man hatte mir nicht gesagt, wo und wann ich wieder abgehe. Dann bin ich, wie es jeder Mensch tun würde, um sich zu retten, nach hinten gelaufen. Die Singakademie in der die Aufführung stattfand, hatte aber keine große Bühne. Ich lief mit vollem Körpergewicht gegen die hintere Wand und habe mir ein blaues Äuglein geholt.

Das war der erste Auftritt.

Ja, das war der erste Auf- und Abtritt, habe ich dann gesagt. Am nächsten Tag bin ich in die Drogerie gegangen und alle haben mich angeguckt wegen dem blauen Auge. Kein Mensch hat mir geglaubt, dass ich am Abend auf der Bühne gestanden hatte.

Wie ließ sich die Schauspielerei mit ihrer Arbeit in der Apotheke verbinden?

Es hat mir Spaß gemacht, aber ich konnte es irgendwann nicht mehr vereinbaren, nachts nach den Aufführungen nach Hause zu kommen und am Morgen um acht im Laden zu stehen. Ich habe die Apotheke dann verlassen.

Was war ihr Eindruck vom Menschen Brecht?

Ich habe ihn als freundlichen, netten und humorvollen Menschen kennengelernt. Zum Einstieg in die Woche am Montag hat er immer gefragt: „Bevor wir hier anfangen: Hat denn keiner was erlebt am Wochenende? Irgendetwas Schönes, was man der Nachwelt so mitgeben könnte?” Es ging dann so weit, dass wir gute Witze, wenn wir die fanden, aufgehoben und als eigene ausgegeben haben.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich hatte mal eine Begegnung mit Brecht in den Proben zur „Winterschlacht“. Die Szene, die wir einstudierten, zeigte den Rückzug der Armee in Stalingrad. Wir saßen als Soldaten auf einem Lkw. Die Bühne hat sich gedreht, um Bewegung zu simulieren. Wir haben dann aber zu schön gesungen. Brecht hat daraufhin alle Schauspieler aufgefordert, sieben oder acht Leute, ihre Dialekte einzusetzen. Zuerst hat er alle befragt, wo sie herkamen. Es ging dann: Sachsen, Thüringen und so weiter. Dann war ich an der Reihe und sagte: „Niederlande.” Daraufhin: Ruhe. Ich höre nur wie einer hinten sagte: „Ach, du Scheiße. Jetzt wird er sauer.” Dann rief Brecht: „Ich habe Ihnen doch eine nette Frage gestellt. Meinen Sie nicht, Sie müssten mir auch freundlich antworten.” An dem Punkt muss ich schon einen knallroten Kopf gehabt haben. Im selben Moment erscheint Brechts Assistent und flüstert ihm etwas ins Ohr. Elfte Reihe, Regiereihe. Er ist dann von seinem Tisch ganz nach vorn gelaufen, an die Bühne ran. „Junger Mann, ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.” Ich habe ihm dann bestätigt, dass ich wirklich aus den Niederlanden stamme, in Amsterdam geboren bin. Es stellte sich dann heraus, er hat Holland sehr gemocht.

Frau Weigel war sehr einflussreich, nicht nur als Intendantin und Schauspielerin. Wie ist es ihr gelungen, die 32 Panzerräder von der sowjetischen Besatzungsmacht zu organisieren, die seit 1954 zur Bewegung der Bühne des Berliner Ensembles eingesetzt werden?

Frau Weigel hat die Sachen immer gleich angepackt. Sie fuhr mit unserem Technischen Direktor glaube ich nach Karlshorst zur Verwaltung, dem Domizil der Russen. Die waren sogar etwas sauer, dass sie nicht selbst auf die Idee gekommen waren, dass die Räder auf diese Weise eingesetzt werden können. Sie sind ja bekannt dafür, ein Land der Improvisation zu sein. Zugleich haben sie sich gewundert, dass die Deutschen so kurz nach dem Krieg schon wieder mit einem Panzer spielen wollten.

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