Annäherung an die Furcht vor dem Fremden

„Wir gegen die“: Was tun gegen den Hass?

+

Berlin - Von Marvin Köhnken. Fast eine Million Menschen – alleine im Jahr 2015. Eine Million Fremde, die nach Deutschland gekommen sind, ohne sich vorher zu erklären. Ohne dass ganz klar ist, was sie hier wollen. Oder sollen. Und immer wieder der Hinweis, dass das nur der Anfang sein dürfte. Der Anfang einer Zeit der zunehmenden Migration nach Europa und in andere sichere Länder.

Kein Wunder also, dass es manch einer mit der Angst zu tun kriegt. Zwei Autoren – die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der Soziologe Zygmunt Bauman – haben sich in jüngst erschienenen Büchern mit der Furcht vor dem Fremden beschäftigt – und dafür zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen gewählt.

Kaddor, häufig gesehener Talkshow-Gast und Tochter syrischer Einwanderer, geht vom Fleck weg auf ihre Leser zu und fordert: Raus aus der Komfort-Zone! Dorthin, wo es ungemütlich wird, solle es in ihrem Buch „Die Zerreißprobe – Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“ gehen. Angesprochen sind Politiker und Bürger gleichermaßen: In vielen Teilen der Gesellschaft seien Menschen aller Schichten dabei, – Argumenten gegenüber unempfindlich – ihre radikalen Standpunkte immer lauter unter die Bevölkerung zu bringen und das Land zu verändern, zu spalten. Kaddors Ziel: „Deutschomanen“, die undefinierbare Werte gegen vermeintliche Eindringlinge vertreten, ins Abseits zu drängen, Zweiflern aber die Hand zu reichen und allen, die Angst haben, Vermittlungsangebote zu unterbreiten.

Es geht um Begegnungen

Kaddor setzt auf die Begegnung der Menschen – der Deutschen und derer, die in die Republik kommen –, um Angst und Ablehnung zu überwinden. Nicht eine ganze Religion wie der Islam sei das Problem, sondern einzelne gewaltbereite Menschen. Dass sie dabei kein Blatt vor den Mund nimmt, war schon vor ihrer aktuellen Buchveröffentlichung so. Neu ist, dass sich Kaddor kurz darauf aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste – die zunehmende Zahl an Morddrohungen mache ihre Beurlaubung als Lehrerin bis zum Sommer 2017 notwendig, teilte die Deutsch-Syrerin Ende September mit.

Dass sie mit ihrer persönlichen Streitschrift auch Widerstand provozieren würde, macht Kaddor in ihrem Buch deutlich. Und das ist auch der Grund, weshalb sich dessen Lektüre lohnt. Nah am Alltäglichen beschreibt die Autorin die Furcht gegenüber dem Fremden, die sich seit Jahrhunderten immer wieder bemerkbar macht und sich nicht notwendigerweise gegen Ausländer richten muss – gegenwärtig aber vor allem Muslime und Flüchtlinge in Form von Anfeindungen und Ausgrenzung trifft.

In einer nicht undenkbar erscheinenden Dystopie zeichnet Kaddor anhand bereits existierender Rechtsprechungen in unterschiedlichen Staaten ein Bild, in dem die „Deutschomanen“ die Oberhand über die Politik gewonnen haben. Auf die Spitze getrieben, aber erschreckend realistisch liest sich das, wenn man viele der aktuellen politischen Forderungen bedenkt.

Wie wollen wir zusammenleben?

Kaddor provozierte damit die Wut ihrer Gegner: So sieht sie die Notwendigkeit, dass Flüchtlinge gefordert werden, stellt jedoch die Bringschuld der Mehrheitsgesellschaft in den Mittelpunkt ihres Buches. Dabei geht es ihr berechtigterweise um die drängende Frage: Wie wollen wir in einer immer enger zusammenrückenden globalisierten Welt leben, an deren Zustand die westliche Welt einen deutlichen Anteil trägt?

Der polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman stellt der Panik vor der Migration, die die Gesellschaft bedroht, einen wissenschaftlichen Ansatz entgegen. Im Buch „Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache“ formuliert er eine Antwort auf die Flüchtlingskrise: Mehr Solidarität zwischen den Menschen. Bauman skizziert eingangs einige Gründe für die zunehmenden Wanderungsbewegungen. Furcht in der Aufnahmegesellschaft entstehe durch die Unberechenbarkeit der Hinzukommenden, gegenseitiges Verständnis könne diese verringern.

Zwei Punkte charakterisierten die neue Angst und ihre Folgen: Zum einen, sagt Bauman, haben all jene, die sich abgehängt fühlen, nun die Chance, sich durch Abgrenzung zu den Neuen der eigenen (Leistungs-)Gesellschaft wieder näher zu fühlen. Zum anderen werde nicht länger das scheinbar unveränderbare System als Feind gesehen, sondern Flüchtlinge als Unheilsbringer identifiziert.

Trügerischer Ausweg „Versicherheitlichung“

Als trügerischen Ausweg bezeichnet Bauman die „Versicherheitlichung“, mithilfe derer viele „starke“ Politiker den Kampf gegen den Terror als ein durch mehr Repressalien und Überwachung vermeintlich lösbares Problem zu verkaufen versuchen – anstatt soziale Ungleichheit überwinden und Lösungen für die komplexen Ursachen der Furcht zu entwickeln. Zur Stärkung der Gemeinschaft werde stattdessen die Würde des „bösen Fremden“ in den Hintergrund gerückt: „Wir gegen die.“

In seinen Ausführungen – meist fachlich ausschweifend und in Gänze keinesfalls nebenbei zu verstehen – zeigt der Philosoph auf, wie es durch Panikmache gelingt, Flüchtlinge ihrer Schutzbedürftigkeit zu berauben und sie abseits ansonsten üblicher Solidarität zu entmenschlichen. Mit allen daraus resultierenden Erniedrigungen und einer Geringschätzung für die Nöte der Hinzukommenden.

Hetzer, die sich nicht auf komplexe Themen einlassen und denen keine hemmende „Furcht vor Selbstverachtung“ innewohnt, ersetzen „etwas wissen“ durch „etwas glauben“. Ohne Beweise zu brauchen, folgen diese Menschen laut Bauman denen, die als die Starken auftreten und diese Stärke auch anderen versprechen.

„Wohlfühlzone“ Internet

Der Ort, an dem diese Methode gut verfängt, ist sowohl für Bauman als auch für Kaddor das Internet: Eine „Wohlfühlzone“, in der fremdenfeindlicher Hass sichtbar wird, ohne dass man mit viel Widerspruch rechnen muss. Für beide Autoren, die den Dialog zwischen den Kulturen trotz aller Mühsal zur Bewältigung der Angst an oberste Stelle heben, bieten soziale Netzwerke die Chance, der Panikmache entgegenzutreten. Hasskommentaren nicht gleichgültig zu begegnen, werde so zu einem Schritt gegen Entmenschlichung.

Bereits ein „Das sehe ich anders“ oder ein ruhig vorgetragenes Argument, dass die Welle des Hasses unterbricht, helfe laut Kaddor, den Schreibenden und dessen Leser zum Nachdenken anzuregen. Vor allem die „Zerreißprobe“ ist als praktische Anleitung und Ratgeber zum Dialog geeignet, Zygmunt Bauman liefert dafür weiteren theoretischen Unterbau.

Lamya Kaddor: „Die Zerreißprobe“, 240 Seiten, Rowohlt, 16,99 Euro.

Zygmunt Bauman: „Die Angst vor den anderen“, 125 Seiten, Suhrkamp, 12 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Barock und Bio im Bliesgau

Barock und Bio im Bliesgau

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Kommentare