„Wir brauchen neue Formen“

Dramaturgin Brigitte Heusinger spricht über neue und alte Opern

+
„Lady Macbeth von Mzensk“, hier eine Szene mit Chris Lysack und Nadine Lehner, läuft gut in Bremen. 

Bremen – An der Wiener Staatsoper feierte im April 2018 eine Inszenierung von Giacomo Puccinis „Tosca“ 60. Geburtstag, die in ihrem langen Leben schon rund 600 Mal gezeigt worden war. Noch älter ist Hans Schülers Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“ am Nationaltheater Mannheim, die am 14. April 1957 Premiere feierte und bis heute auf dem Spielplan steht.

Während es für alte Stoffe und alte Produktionen offenbar immer noch ein Publikum gibt, fristet das neuere Opernrepertoire eher ein Schattendasein. Wir haben uns in der Region umgehört, warum es neue Musik im Theater so schwer hat. Den Auftakt unserer kleinen Interviewreihe macht Brigitte Heusinger, seit der Spielzeit 2018/19 Künstlerische Leiterin und Leitende Dramaturgin des Musiktheaters am Theater Bremen.

Sie sind seit Beginn der laufenden Spielzeit am Theater Bremen. Wie haben Sie die Stadt in den vergangenen Jahren wahrgenommen?

Nah dran. Es gibt „Familien“ innerhalb der Musiktheaterszene, und ich war immer in der Familie, zu der auch Bremen gehört. In den vergangenen beiden Jahren habe ich beispielsweise mit Benedikt von Peter, der von 2012 bis 2015 die Opernsparte in Bremen leitete, in Luzern gearbeitet. Was cool ist an Bremen, dass hier auch Stücke funktionieren, die keinen großen Namen haben. „Lady Macbeth vom Mzensk“ ist zwar keine unbekannte Oper, aber dass sie so gut läuft wie hier, ist ein Bremen-Effekt. Das gilt auch für den „Simplicius Simplicissimus“.

Am Theater Bremen gibt es durchaus auch eine Tradition mit zeitgenössischer Oper, es gab beispielsweise regelmäßig Auftragskompositionen. Das hat vor einigen Jahren aufgehört.

Wir wollen diese Tradition fortführen. Und so planen wir für die übernächste Spielzeit eine Uraufführung. Aber bei Auftragskompositionen weiß man nie, ob die Werke auch rechtzeitig fertig werden. In dieser Saison zeigen wir „Lulu“ und haben den Bremer Komponisten Detlef Heusinger beauftragt, von dem unvollendeten dritten Akt eine Neufassung zu erstellen. Ein raffiniertes Projekt, weil er für Instrumente wie elektrische Gitarre oder auch Theremin schreibt, also so instrumentiert, dass man die Zutaten hört. Was er hinzufügt, hat eine ganz andere Klangqualität. Es ist eine zeitgenössische Restauration mit hohem Innovationspotential.

„Lulu“ ist ja eher ein Klassiker, wenn auch ein moderner. Auch wenn diese Musik 100 Jahre alt ist, haben es Opern wie „Lulu“ oder auch „Wozzeck“, sowohl der von Alban Berg wie der von Manfred Gurlitt, schwer. Woran liegt das?

„Wozzeck“ hat es seltsamerweise noch schwerer als „Lulu“, ich weiß nicht warum. Für viele ist das nach wie vor eine Musik, in der sie sich nicht wohlfühlen. Deswegen funktioniert das ja auch mit der Wiederholung des Opernkanons, weil Gewöhnung und Wiedererkennen Wohlbefinden auslöst. Deswegen muss man auch die Klassiker der Moderne immer wieder spielen, denn wenn man sich in sie hineinhört, erschließt sich diese Musik. Aber Teile des Publikums fühlen sich leider immer noch ausgeschlossen von diesen Werken. Wir müssen es schaffen, den Menschen zu vermitteln, dass sie als Zuschauerinnen und Zuschauer ein wichtiger Teil der Aufführung sind.

Dramaturgin Brigitte Heusinger.

Neue Musik gilt bisweilen als „verkopft“ – ist das das Problem bei zeitgenössischen Opern?

Teilweise. Doch es gibt wieder Tendenzen, näher ans Publikum zu gehen. Aber nicht alles, was anspruchsvoll ist, lässt sich vereinfachen oder sollte man einfacher machen. Die Qualität muss immer im Vordergrund stehen. Da haben wir in meiner letzten Station, in Luzern, einen guten Weg gefunden: Wir waren anspruchsvoll, wir waren schwierig. Aber wir haben die Nähe des Publikums gesucht, ihm die Hand gereicht und deutlich und einfach kommuniziert. Die Zuschauer haben es ertragen, stundenlang furchtbar unbequem zu sitzen und Luigi Nono zu hören – und sie haben es genossen, weil sie mittendrin im Klang saßen und sich jung fühlten. Aber manche Dinge sind einfach kompliziert. Und Theater ist ein Ort, wo man das Denken schulen muss.

Müsste das nicht passieren, bevor Menschen ins Theater gehen?

Warum sollte man nicht auch in der Oper mal nachdenken? Ich finde es ein bisschen traurig, dass Leute heute nicht ohne Einführung in die Oper gehen, wenn die Kunst sich also nicht mehr selbst vermitteln kann.

Das Opernpublikum ist im Durchschnitt recht alt. Wie können Sie das ändern?

Ich war eine Zeitlang Operndirektorin in Saarbrücken und hatte eine absolute Steilvorlage, weil das Haus umgebaut wurde. So konnten wir ein Dreivierteljahr lang ein Programm für Außenspielorte machen – und zwar für verschiedene. Das war tierisch viel Arbeit, aber es war das Schönste, was ich erlebt habe. Auch in Bezug auf das Publikum, weil es eben durchmischt war. Neue Situationen, neue Formen, neue Orte, die Einbeziehung des Publikums sind Dinge, die man sich erarbeiten muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber wir müssen jetzt, heute überlegen, wie wir unseren angestammten Kanon der Stücke und Darbietungsformen erweitern, um viele junge und theaterferne Menschen zu erreichen.

Die nächste Bremer Opernpremiere:

„Lulu“, Premiere am 27. Januar, 18 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

Lesen Sie auch:

Intendant Ulrich Mokrusch spricht über neue und alte Opern

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Kundgebung in Moskau gegen Polizei-Willkür

Kundgebung in Moskau gegen Polizei-Willkür

Schützenverein der Wasserdörfer feiern Jubiläum

Schützenverein der Wasserdörfer feiern Jubiläum

Stuhrer „Highland-Games“ gehen in die fünfte Runde

Stuhrer „Highland-Games“ gehen in die fünfte Runde

Gildefest 2019: Die Samstagnacht-Party im Festzelt

Gildefest 2019: Die Samstagnacht-Party im Festzelt

Meistgelesene Artikel

Rapperin Sookee tritt beim Hurricane auf: „Hauptsache Bühne“

Rapperin Sookee tritt beim Hurricane auf: „Hauptsache Bühne“

Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes verabschiedet sich

Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes verabschiedet sich

Stadttheater Bremerhaven gräbt „Mariechen von Nimwegen“ aus

Stadttheater Bremerhaven gräbt „Mariechen von Nimwegen“ aus

Kommentare