„Cosi fan tutte“: Schauspielregisseur und Tanzchoreograf Laurent Chétouane inszeniert in Bremen erstmals eine Oper

„Wir bleiben im Wahnsinn“

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Tanz findet bei ihm vorerst nur noch hinter der Bühne statt: Laurent Chétouane in Aktion.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Cosi fan tutte“, eine der drei großen da Ponte-Opern, heißt im Untertitel „Die Schule der Liebenden“, und der Komponist bezeichnet es als ein „Dramma giocoso“, eine „komische Oper“. Wolfgang Amadeus Mozart schrieb „Cosi“ 1789, in einer Zeit, in der für ihn zunehmend alles dunkler wurde: „Es ist alles kalt für mich – eiskalt“.

Der Philosoph Alfonso wettet mit seinen beiden Freunden Ferrando und Guglielmo, dass ihre Verlobten Dorabella und Fiordiligi ihnen in kürzester Zeit untreu werden. Diese Situation wird nun von den Männern simuliert. In den ersten Kritiken war vom „albernsten Zeug der Welt“ die Rede. Doch die Musik zeigt ganz andere, tief existentielle und beunruhigende Erfahrungen, welche die jungen Cosi-Menschen durchmachen, weil sie sich tatsächlich in den jeweils anderen verlieben. Die Musik gewordenen psychologischen Feinheiten, mit denen Mozart die Frage nach den „Möglichkeit von Liebe auf Dauer in dieser Welt“ (Leo Karl Gerhartz) stellt, sind von innovativem Formen- und Instrumentationsreichtum. Am Theater Bremen inszeniert Laurent Chétouane Mozarts radikales Werk.

Sie arbeiten überall, wo spannendes, auch alternatives Theater zu erwarten ist: im Schauspiel, im Tanz, in spartenübergreifenden Produktionen. Nun inszenieren Sie Ihre erste Oper. Reizt Sie die Oper als eines zwischen vielem?

Laurent Chétouane:Die Begegnung mit einer neuen Gattung ist immer enorm aufregend: ein neues Land, neue Strukturen mit klaren Gesetzen, natürlich reizt mich das. Und „Cosi fan tutte“ ist in dieser Hinsicht ein besonders spannender Einstieg.

Welche Erfahrungen machen Sie denn mit der Gattung, also mit dem Unterschied von Schauspielern, Tänzern und Sängern?

Chétouane:Die interessanteste Frage dabei ist: Inwieweit ist die Oper ein Medium, das sich selbst reflektieren kann? Haben die Sänger ein Verhältnis zum Gesang, das ihnen auch eine kritische Distanz verleiht? Daran möchte ich kratzen, und das gibt eine tolle Reibung.

Zu „Cosi fan tutte“: Könnte die vollkommen unwirkliche Geschichte, die das gerade eingerichtete Bürgertum und damit das ganze 19. Jahrhundert zutiefst provozierte, ein Sinnbild sein für unberechenbare Erfahrungen? Was bedeutet das für Sie?

Chétouane:Liebe und Begehren laufen nicht zusammen. Damit spielt die ganze Oper. Man kann jemanden lieben und jemand anderen begehren.

Auf welche musikalischen Analysen und Tatsachen stützen Sie Ihre Interpretation?

Chétouane:Musik und Handlung sind nicht immer kongruent, oft weiß die Musik bereits mehr als die Menschen auf der Bühne. Hört man der Musik gut zu, zeigt sie uns bereits, wie es laufen wird: eben nicht so, wie der Text erzählt.

Fiordiligi und Dorabella quatschen am Anfang alles gemeinsam und entfalten ihre unterschiedlichen Charaktere erst im Lauf der Oper. Wie unterschiedlich sind die beiden wirklich?

Chétouane:Sehr unterschiedlich. Fiordiligi kämpft viel mehr um ihre Liebe, Dorabella ist viel schneller bereit, auch mal was auszuprobieren.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Dorabella, die ja als erste „überläuft“, sich nicht wirklich in Guglielmo verliebt, sondern am Spiel festhält, während Fiordiligi in Ferrando eine wirkliche Alternative gefunden hat – und umgekehrt. Dafür würde auch die neue Partnerschaft der sängerischen Fächer sprechen: der erste Sopran mit dem Tenor und der Mezzo mit dem Bariton. Sehen Sie das auch so?

Chétouane:Fiordiligi und Ferrando sind unglückliche Menschen, sozusagen zwei Verlierer. Ihre wirkliche Liebe entsteht und es gibt kein Geheimnis mehr.

Wer ist Alfonso? Was will er? Ist er ein Zyniker oder einer, der Lebensweisheit vermitteln will? Lebensweisheit, die sich unsere vier Protagonisten am Anfang ja noch nicht einmal vorstellen können.

Chétouane:Er versteht etwas vom Leben: Er weiß, dass man immer das begehrt, was der andere hat. Und er ist ein toller Schauspieler, das sagt er von sich selbst. Aber er bleibt ein Geheimnis, und das soll er auch bleiben. Ein Zyniker ist er keinesfalls.

Für wen oder was steht Despina?

Chétouane:Sie ist die versteckte Heldin des Abends. Sie stellt die Stände-Frage, die Paare sind ja Aristokraten, Despina selbst repräsentiert den dritten Stand. Sie zeigt ihre Intelligenz, sie bringt ja die beiden Frauen praktisch auf ihren Stand! Die Revolutionsklänge in ihrer ersten Arie... deutlich klar, dass dieses Stück nur 1789 komponiert sein kann.

Das Ganze ist als eine Komödie konzipiert, in der ein ungeheuer ernstes Thema abgehandelt wird. Darf auch gelacht werden?

Chétouane:Ja, klar darf man lachen, aber das Ziel ist zugleich, immer abgründig zu bleiben, denn alles bei Mozart ist doppeldeutig.

Ich gehe davon aus, dass Sie uns so kurz vor der Premiere Ihre Lösung des Schlusses nicht verraten werden. Aber gibt es doch etwas, was Sie zu diesem Schluss sagen können? „Bella Calma“ – „schöne Ruhe“ – wird da ohne Ende gesungen und genau das stimmt ja nicht. Es ist ja der helle Wahnsinn, in den Mozart seine Menschen gejagt hat.

Chétouane:Wir versuchen, im Wahnsinn zu bleiben, es gibt kein Zurück mehr. Mehr möchte ich nicht verraten.

Premiere: morgen um 18 Uhr am Theater Bremen.

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