INTERVIEW Die freie Bremer Szene feiert sich mit dem „fabelhaften Bremer Schlüssel“

„Wir bauen ein Schiff“

Gesichter der freien Szene: Jonathan Prösler (l.), Sissi Zängerle und Erwing Rau. Foto: rau

Bremen - Von Rolf Stein. Bühnenbildner, Schauspieler, Puppenspieler, Regisseure, Tänzer: Die freie Bremer Szene der darstellenden Künste feiert sich heute bei der Vergabe des „fabelhaften Bremer Schlüssels“. Wir sprachen vorab mit Jonathan Prösler, einem der Initiatoren des Preises, und Frederike Behrens aus dem Vorstand des Landesverbands freie darstellende Künste Bremen über den Preis und die freie Szene.

Wem verleiht man warum den „fabelhaften Bremer Schlüssel“?

Prösler: Wir haben im vergangenen Jahr zum ersten Mal diese Preisverleihung veranstaltet mit dem Wunsch, dass das ein großer Herzenspreis an die Leute der freien Szene der Darstellenden Künste ist. Behrens: Die Preisverleihung fand im Rahmen von „Spotlight“ statt, dem Gastspielmonat der freien darstellenden Künste in der Schwankhalle. Prösler: Erwing Rau, Sissi Zängerle und ich hatten darüber gesprochen, dass wir eigentlich keine Jurys mögen. Deswegen haben wir gesagt, dass wir Leute, Institutionen oder Gruppen ehren, die wir für ehrenswert halten. Und der jeweilige Preisträger ist dann die Jury für die Weitergabe im Folgejahr.

Warum ein Schlüssel?

Prösler: Er ist im Bremer Wappen und er schließt Tore auf. Als Preisträger hast du ein Jahr lang Zugang zu den Vorstellungen der Mitglieder des Landesverbandes.

Ist das auch die Aufforderung, sich gegenseitig wahrzunehmen, anstatt vor sich hin zu wursteln?

Prösler: Natürlich, das ist immer ein bisschen dabei. Netzwerkarbeit gehört dazu und auch, sich gegenseitig seine Arbeit zu zeigen, auch am Abend der Preisverleihung. Die Leute kommen und zeigen Ausschnitte aus ihren Arbeiten oder produzieren kleine Nummern. Und wir setzen dafür einen inhaltlichen Rahmen. Letztes Jahr haben wir das Theater beerdigt und die Preisträger haben dann das Gegenteil bewiesen. Dieses Jahr bauen wir ein Schiff und laufen auf Grund.

Ist der „Schlüssel“ eine Idee des Landesverbands freie darstellende Künste?

Prösler: Nicht so richtig. Das waberte lange als Idee herum. Behrens: Der Landesverband wurde Ende 2014 gegründet. Da gab es den Wunsch nach mehr Präsenz in der Stadt. Und da kam dann schnell der Gedanke, dass wir einen Preis brauchen. Als wir dann den Gastspielmonat konzipiert haben, ist das passiert. Und am Ende der Preisverleihung habe ich zu Jonathan gesagt: Das müssen wir nächstes Jahr wieder machen. Wir wollen einen unterhaltsamen Abend schaffen, bei dem viel von den Künstlern gezeigt wird, sodass man einen Überblick über das bekommt, was in der Szene passiert. Das ist also nicht nur für Szenekenner. Prösler: Es gibt in vielen Städten und Bundesländern Ehrungen, die oft auch dotiert sind. Das wünsche ich mir auch. Behrens: Auch damit neu produziert werden kann.

In welchen Kategorien wird der „Schlüssel“ vergeben?

Behrens: Es gibt keine festen Kategorien. Prösler: Du als Empfänger des Preises kannst entscheiden, ob du einen einzelnen Künstler, eine Gruppe oder eine Institution aus dem Bereich der darstellenden Künste auszeichnen möchtest.

Ist die Mitgliedschaft im Landesverband eigentlich nach wie vor nur Einzelpersonen vorbehalten?

Behrens: Seit diesem Jahr können auch Vereine und Institutionen Mitglied werden. Für den „Schlüssel“ muss man aber kein Mitglied des Landesverbandes sein.

Wie viele Mitglieder hat der Verband inzwischen?

Behrens: Gut 100. Allerdings ist die Frage jetzt, wer nun Mitglied ist. Das AMS!-Theater ist dabei, die Schwankhalle ist Mitglied und auch Tanz Bremen. Damit sind auch alle Mitarbeiter dieser Einrichtungen Mitglieder, deshalb sind wir viel mehr. Mitgliedschaften gibt es knapp einhundert.

Was ist nach fünf Jahren Landesverband freie darstellende Künste als vorläufiges Ergebnis festzuhalten?

Prösler: Ich kann es mal aus der Künstlerperspektive sagen. Für mich persönlich hat es gebracht, dass ich mich mit den Kollegen mehr vernetze. Politisch spürbar ist, dass es Bewegung in der Behörde gibt, das bekommt man mit. Und auch wenn nicht mehr Geld da ist als vorher, gibt es eine Jury für die Vergabe von Projektmitteln. Das sind für mich die wesentlichen Veränderungen.

Förderung gab es doch aber vorher auch.

Behrens: Aber inzwischen gibt es ein juriertes Verfahren. Also: Wir suchen eine Jury aus ganz Deutschland aus, die über die Projektmittelvergabe entscheidet. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir wissen jetzt noch nicht, wie sehr die Mittel erhöht werden, der finale Haushalt wird ja erst im Juli beschlossen. Dennoch glaube ich, dass wir mit der Gründung des Landesverbandes schon einiges erreicht haben. Es ist etwas in Bewegung gekommen, es wird miteinander gesprochen, auch spartenübergreifend, Akteure, Politik, Kulturbehörde – alle gehen in den Dialog miteinander, und dadurch kommt viel in Bewegung. Auf Bundesebene sind wir außerdem mit den anderen Landesverbänden und dem Bundesverband vernetzt. Und da ist die Honoraruntergrenze, die schon 2017 auf Bundesebene empfohlen wurde, ein Thema, das wir auch in Bremen vorantreiben. Dafür braucht es natürlich spürbar mehr Geld. Prösler: Unabhängig vom Geld ist für eine lebendige Stadt aber auch wichtig, dass du eine Bindung hast, dass du weißt, wen du ansprechen kannst und was du in Anspruch nehmen darfst. Das passiert nicht, wenn ich isoliert bin. Behrens: Was jetzt wächst, und davon wünsche ich mir mehr, ist, dass alle freien Künste Teil dieser Stadt und auch Teil der Stadtentwicklung sind, da ist es wirklich Zeit für ein anderes Selbstbewusstsein, dass wir alle wichtig für diese Stadt sind.

Preisverleihung

Die Preisträger erhalten den Bremer Schlüssel heute ab 19 Uhr in der Schwankhalle.

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