Überzeugende Fortsetzung in Hannover

„Eine Stadt will nach oben“: Willkommen zum Totentanz

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Die Charaktere in Lucia Bihlers Inszenierung sind von einer Amüsiersucht gepackt, die stets in Richtung Selbstzerstörung kippen kann.

Hannover - Von Jörg Worat. „Eine Stadt will nach oben“: So heißt ein mutiges Projekt des hannoverschen Staatsschauspiels. Fünf Regisseure inszenieren in der laufenden Saison für die Cumberland-Bühne je zwei Folgen einer Geschichte, die sich mal mehr, mal weniger an Hans Falladas Roman „Ein Mann will nach oben“ von 1941 anlehnt und Elemente der hannoverschen Stadthistorie enthalten kann, aber nicht muss. Ein Theaterexperiment also, und Experimente können schiefgehen.

Das ist in Hannover auch schon passiert. Der Auftakt geriet langatmig und anstrengend, auf eine spritzige dritte Folge folgte umgehend ein diffuse vierte. Nun hat Regisseurin Lucia Bihler die vorletzte Staffel übernommen und eine höchst überzeugende Premiere ins Cumberland-Treppenhaus gesetzt – um so beeindruckender, als gerade einmal eine Probenzeit von drei Wochen zur Verfügung stand.

Im Mittelpunkt ihrer Version stehen die Beziehungsgeflechte um die Hauptfigur Karl Siebrecht in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Eine Zeit der extremen Gegensätze, als eine weit verbreitete Amüsiersucht stets in Richtung Selbstzerstörung zu kippen drohte. Auch eine Zeit der Frauenemanzipation, was im Programmheft sehr betont wird und in der Inszenierung durchaus eine Rolle spielt, dort aber nie das einzig dominierende Thema darstellt.

Bihler zettelt für das Publikum einen echten Totentanz an. Begrüßt wird es mit Klängen eines Harmoniums, bedient vom grimmen Schnitter persönlich – hinter der glitzernden Totenkopf-Maske steckt Multiinstrumentalist Christian Decker, der musikalische Leiter des Schauspiels. Die ersten gesprochenen Worte handeln von einer Hochzeit, und das Paar, das man dabei sieht, trägt Trauerkleidung.

Elemente der Verletzung

Die Regisseurin hat allen Figuren ein Element verpasst, das auf Verletzung hindeutet, hier eine Beinschiene, dort eine Halskrause. Sie hat außerdem sämtliche Charaktere gedoppelt und ermöglicht mit diesem Trick die Offenlegung innerer Konflikte: Es kann passieren, dass sich die beiden Karls oder die beiden Riekes keineswegs einig sind.

Die stark geschminkten Gestalten lassen die Stummfilm-Ästhetik der 20er-Jahre aufleben, an entsprechenden Anspielungen mitsamt der dazugehörigen Komik mangelt es nicht. Inklusive der klassischen Ohnmachts-Szene, in der die Damen seufzend zu Boden sinken, und zwar so oft, dass es nicht nur den Herren, die sie aufklauben müssen, nachhaltig zum Hals heraushängt – gekonnt präsentierte Penetranz kann ja durchaus einigen Reiz entwickeln.

Ja, der Abend ist sehr witzig, und er ist auch sehr ernst. Und wenn sich zum Schauspielquartett Gina Henkel, Monika Oschek, Sebastian Weiss und Valentin Schroeteler ein Chor etwas reiferer Damen in feschen Revue-Girl-Kostümen gesellt, wird er nachgerade zauberhaft. Riesenapplaus, völlig verdient. Die Messlatte für Hausregisseur Tom Kühnel, der am 17. März die finalen Folgen von „Eine Stadt will nach oben“ an den Start bringen will, ist somit ziemlich hoch gehängt.

Eine weitere Vorstellung ist am 16. Februar um 19 Uhr in der Cumberlandschen Bühne.

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