Stadttheater Bremerhaven zeigt „Talk Radio“

Der will nur reden

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John Wesley Zielmann als Barry Champlain

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Er tut ja eigentlich nichts – außer reden, reden, reden: Barry Champlain, die Hauptfigur in Eric Bogosians 1988 von Oliver Stone erfolgreich verfilmtem Stück „Talk Radio“. Und der Titel deutet schon an, dass diese Kommunikation eine besondere ist: In relativer Anonymität rufen Menschen beim Radiosender an. Um zu plaudern, zu diskutieren, ihr Leid zu klagen, ihre Liebsten zu grüßen. Auch wenn die große Plapperhalde längst das Internet ist. Dort lässt sich sagen, was man einem anderen Menschen nicht ins Gesicht sagen würde.

Ob oder inwieweit sich im Internet Bertolt Brechts Idee eines Rundfunks realisiert hat, der sich „vom Distributions- in einen Kommunikationsapparat“ verwandelt, ist da eine durchaus interessante Frage. Statt politischer Emanzipation allerdings, die Brecht im Sinne hatte, erkennen manche in der verbalen Enthemmung in den Echokammern des weltweiten Gewebes eher das Gegenteil. 

Die Rückkopplungen klingen heute jedenfalls schriller als zur Zeit von Alan Berg, dem real existierenden Vorbild von Barry Champlain – und doch reichte die Erhitzung schon damals für einen Mord. Rechtsextreme brachten den Moderator um.

Mit „Talk Radio“ untersucht der Regisseur Niklas Ritter nun am Stadttheater Bremerhaven, wie aus einem Unterhaltungsformat ein Katalysator der Gewalt wird. Das Drama spielt sich auf der Bühne des Kleinen Hauses sozusagen in Echtzeit ab. Wir sehen Champlain durch Nebelschwaden im Studio sitzen. Und wir hören, wie er seine anrufenden Zuhörer vorführt. Als langweilig, als dumm, als rassistisch, als antisemitisch schmäht er sie.

Das Radio-Setting funktioniert auf der Bühne gut

In seinem schlagfertigen Furor wirkt Champlain dabei durchaus auch aufklärerisch. Aber er kennt zugleich keine Skrupel, wenn es darum geht, seiner Sendung durch möglichst drastische Gesprächswendungen genau das zu verschaffen, worauf es ihm dann zumindest auch, wenn schon nicht vor allem ankommt: die Anerkennung seiner Hörer. Um den gleichen Effekt zu erzielen, muss allerdings die Dosis stetig erhöht werden.

Mit wenigen Handgriffen ist das Stück aus den 80er-Jahren ins Heute und ein bisschen auch in Hier gehievt, was ohne größere Reibungsverluste funktioniert. Und das heute eher altehrwürdig anmutende Radio als Setting ist für die Bühne gut. Weniger, weil es regelmäßig für Musik sorgt, die hier angenehm hintergründig und klug gewählt daherkommt (Velvet Underground, die Doors, Toto). Vor allem, weil es erlaubt, die Handlung an einem Ort abzubilden.

Um Champlain herum hat Bogosian ein paar Figuren gruppiert, in denen sich der Narziss spiegeln kann: Da ist Dan Woodruff, Chef des Senders, hin und hergerissen zwischen Bewunderung für die spontanen Einfälle seines Zugpferds und der Sorge, der nächste spontane Einfall könnte ihm das Geschäft verderben. Kay Krause gibt Woodruff mit ledriger Knarzigkeit. 

Oder Linda (Juliane Schwabe), die ebenfalls beim Sender arbeitet und mit Champlain das Bett teilt, was aber offenbar das einzige ist, was er ihr an Teilhabe an seiner Person zugesteht. Marc Vinzing als Stu Noonan, treuer Wegbegleiter des extrovertierten Champlain, wäre da noch zu nennen – und Jakob Tögel als verblüffend realverstrahlt wirkender Druffi Kent, den Champlain gegen alle Widerstände als Gast ins Studio lotst.

Champlain redet sich in Rage - und beschleunigt immer mehr

Im Zentrum aber steht bis zum bitteren Ende unangefochten Champlain, den John Wesley Zielmann mitsamt seinen Brüchen in eindrucksvoller Konsequenz verkörpert. Mit langer Mähne tigert er durch's Studio, wenn er sich in Rage redet; mit fieser Nonchalance schmeißt er die Anrufer per Buzzer aus der Leitung, wenn sie ihn langweilen, die Show muss ja nicht nur weitergehen – sie muss eben auch immerzu beschleunigen, weiterdrehen. 

Und mit beklemmender Intensität lässt Zielmanns Champlain durchblicken, wie suspekt ihm sein eigenes Spiel ist. Immerhin: Er steht schließlich vor dem großen Durchbruch. Ein nationaler Sender will die Show übernehmen. Aber dazu, das verrät der Abend gleich in der ersten Szene, wird es nicht kommen.

Champlains Tod ist nicht das überraschende Ende, sondern die Ausgangsfrage. In einer Stunde und 20 Minuten ohne Pause antwortet Ritter darauf mit einer packenden Studie, die Schlaglichter auf aktuelle Phänomene wie Hate Speech wirft, auf eine pervertierte Freiheit der Rede, auf die Faschisierung der Gesellschaft, die schließlich aus dem Schutz der Anonymität tritt und Ernst macht.

Die nächsten Vorstellungen: Donnerstag, 20. Dezember, Samstag, 5. Januar, Samstag, 19. Januar, jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven, Kleines Haus

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