Ein Abend über den Orpheus-Mythos beim Festival „Musicadia“ im Bremer Sendesaal

Die wilden Tiere gezähmt

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Das Selbstverständlichste der Welt: Alte Musik, interpretiert von „Il Trionfo del Tempo“.

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeDas Schönste an diesem Konzert im Sendesaal war, dass es wieder was werden könnte mit der traditionellen Präsenz der Alten Musik in Bremen.

Denn zunächst einmal wurden die von Hans Otte in den grühen sechziger Jahren kreierten und schnell weltberühmten Festivals – Pro Musica Nova und Pro Musica Antiqua – ersatzlos abgeschafft und dann drohte jahrelang der Abriss des auch weltberühmten Sendesaals. Der konnte gerettet werden und dann fanden sich auch die Menschen, die die Festivals in neuem Glanz erscheinen lassen. Zum zweiten Mal nun finden unter der künstlerischen Leitung von Hille Perl (Professorin für Gambe an der Hochschule für Künste) und Renate Wolters (mehrfach preisgekrönte Toningenieurin) „Musicadia – Tage für Alte Musik“ statt. Fünf hochkarätige Konzerte konnten unter dem Titel „Von Priestern, Wein und Virtuosen“ mithilfe des Kultursenats, der Bremer Landesbank, Deutschlandradio, Radio Bremen und der Hochschule für Künste organisiert werden.

Es ging im zweiten Konzert um die italienische Musik des Frühbarock und Barock, und der Auftritt des belgischen Ensembles „Il Trionfo del Tempo“ riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Das kleine Ensemble unter der Leitung des Tenors Jan van Elsacker und des Cembalisten Bart Rodyns kam in der nichts weniger als großartigen Besetzung Maia Silberstein, Violine, Liesje van Massenhove, Flöte, Simen van Mechelen, Posaune und Thomas Boysen, Gitarre und Theorbe. „Il Canto d‘Orfeo“ hieß das Programm und wenn wir mit Musik zum Orpheus-Mythos Claudio Monteverdi, Christoph Willibald Gluck und Jacques Offenbach meinen, so wurden wir eines Besseren belehrt. Unendlich viele Komponisten des sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhunderts nahmen sich der Geschichte des großen Sängers an, der nach Ovid mit seiner Lyra „die wilden Tiere gezähmt und mit seinem Gesang Berge, Felsen und Bäume in Bewegung“ gebracht hat.

Die Komponisten sind weitgehend unbekannt – Marco Uccellini, Sigismondo d'India, Antonio Brunelli, Benedetto Ferrari und viele andere –, was nicht an der Qualität der Musik liegt, sondern einfach daran, dass man sie angemessen nur hören kann, wenn Interpreten am Werk sind, die die historische Aufführungspraxis beherrschen. Und da ist nach diesem Abend einfach zu sagen, dass nach Vorarbeiten von Niklaus Harnoncourt, Sigiswald Kuijken, Jordi Savall, David Munrow nun eine Enkel und Urenkelgerantion in der Lage ist, mit diesem einst mühsam erworbenen Wissen herrlichste Musik zu machen, als wär‘s das Selbstverständlichste der Welt.

Jan van Elsacker ergriff mit zahlreichen Orpheus-Klagen, indem er die sprachliche Basis der Musik wie einen Schauspielermonolog ausspielte, wunderbar existentiell und dadurch aktuell. Die Instrumentalisten betonten ebenfalls bestens sowohl die Sprachähnlichkeit der Musik als auch ihre bezaubende Virtuosität. Auch die Zusammensetzung der Stücke im Wechsel von Gesang und Instrumentalstücken überzeugte. Ein Abend, den man sich hinreißender nicht vorstellen kann. Leider war er nicht gut genug besucht, aber bei der Qualität muss man sich wohl kaum Sorge darüber machen, dass sich das rumspricht.

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