Regisseur Karsten Dahlem über Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ und seine Inszenierung am Theater Bremen

Wilddruden und das Schöne im Schrecklichen

Karsten Dahlem

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Fluchende Räuber und blutdürstende Monster zum Frohen Fest: „Ronja Räubertochter“ heißt in diesem Jahr das Weihnachtsmärchen am Theater Bremen.

Es mag besinnlichere Stoffe geben, aktuell ist der Kinderbuchklassiker aber in jedem Fall. Denn wie sich die Räubertochter auf dem Weg in eine selbständige Existenz dunklen Mächten und unkalkulierbaren Gefahren ausgesetzt sieht, so nehmen auch viele Kinder einer immer komplexer gewordenen Gesellschaft ihre Zukunft wahr. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Regisseur Karsten Dahlem, für welche Ängste Lindgrens Fabelwesen stehen und warum er für Kinder kaum anders inszeniert als für Erwachsene.

?Herr Dahlem, wer Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ gelesen hat, der weiß, dass mit Wilddruden nicht zu spaßen ist. Es fällt schwer, sich diese übermächtigen Fabelwesen als Theaterpuppen vorzustellen. Wie wollen Sie das Dämonische aus dem Roman auf die Bühne retten?

!Zunächst einmal lernt Ronja diese Wesen überhaupt erst kennen, weil sie erwachsen werden will. Sie beschließt eines Tages einfach, in die weite Welt aufzubrechen. Wäre sie ein Bremer Mädchen von heute, würde sie wahrscheinlich endlich in die Stadt gehen oder in die Discothek. Bei Astrid Lindgren ist es der Wald. Dort begegnet sie all den Gefahren, vor denen sie ihr Vater immer beschützt hat: Graugnome, Wilddruden.

?Was aber ist das: Graugnome und Wilddruden?

!Zunächst einmal sind es Symbole für Ängste. Wovor fürchtet sich ein Kind? Vor der Dunkelheit natürlich. Aber auch vor den Bildern, die andere in seine Persönlichkeit projizieren: Eltern, Verwandte oder auch das Fernsehen. Es gibt also gleichermaßen reale wie diffuse Ängste. Angst kann aber manchmal ganz schön sein, ganz schön gruselig. Letztendlich wird bei all dem auch viel gelacht, gewitzelt und geträumt.

?Wie also sieht sie aus: die Wilddrude? Und wie der Graugnom?

!Das verrate ich nicht.

?Sie beschreiben, wie Ronja zuhause beschützt wird und zeichnen das Bild einer behüteten Kindheit im Kreise einer harmonischen Familie. Nun handelt es sich dabei immerhin um eine Räuberbande, ihr Vater ist der Hauptmann.

!Das sind weniger Räuber als Spitzbuben: große Bengel, die gerne Streiche machen. Bei uns scheitern sie schon daran, einer Oma die Handtasche zu klauen.

?Richtig ernst wird es für Ronja allerdings, als sie sich ausgerechnet mit einem Jungen der verfeindeten Borka-Bande anfreundet. Da lassen Shakespeares „Romeo und Julia“ grüßen. Ist dieser Klassiker in unserer liberalen Gesellschaft überhaupt noch aktuell?

!Selbstverständlich, denken Sie nur an Vorbehalte gegenüber anderen Kulturkreisen. Grundsätzlich ist mir wichtig, dass Kinder sich mit ihren Hauptfiguren identifizieren. Und deshalb kommt diesem „Romeo und Julia“-Motiv in meiner Inszenierung eine hohe Bedeutung zu. Schließlich kennen Kinder diesen Annäherungsprozess aus eigenem Erleben. Erst mag man sich nicht, weil der andere zu den Bösen gehört. Und dann ist das auch noch ein Junge, ich selbst aber bin ein Mädchen.

?„Bruder“ und „Schwester“.

!Auch das gehört zum Annäherungsprozess: Indem sie dieses Verwandtschaftsverhältnis konstruieren, überwinden sie die Hürde des Geschlechterunterschieds. Später allerdings bricht dann auch der Frühling aus, und zwar nicht nur draußen im Wald, sondern auch in Ronja selbst.

?Das Erwachen der Sexualität?

!Das ist ein großes Wort. Ich würde eher von Frühlingsgefühlen sprechen, von der Erfahrung, dass etwas schrecklich und schön zugleich sein kann.

?Was Kindern auch bekannt vorkommen dürfte, ist der Streit zwischen Ronjas Eltern. Mama und Papa streiten sich, schuld daran bin ich.

!Das ist sicherlich zutreffend. Ich finde es aber schade, wenn Kinder diesen Eindruck erhalten. In unserer Inszenierung soll deutlich werden, dass Kinder am Streit ihrer Eltern grundsätzlich unschuldig sind.

?Worin unterscheidet sich eine Produktion für Kinder vom Theater für Erwachsene?

!Wenn man sie ernst nimmt, besteht gar nicht so ein großer Unterschied. Kinder sind als Theaterrezipienten heute viel weiter, als Erwachsene glauben. Und umgekehrt: Wir Erwachsene sind viel kindlicher als wir zugeben.

Premiere von „Ronja Räubertochter“ am Sonntag, 21. November, 18 Uhr im Theater am Goetheplatz, Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Bindung zu Ihrem Hund stärken – Jetzt kostenlos an einem Online-Kurs teilnehmen

Bindung zu Ihrem Hund stärken – Jetzt kostenlos an einem Online-Kurs teilnehmen

Diese Mikrowellentricks kennt kaum jemand - dabei sind sie wirklich praktisch

Diese Mikrowellentricks kennt kaum jemand - dabei sind sie wirklich praktisch

Sieg reicht nicht: Bayern-K.o. gegen Paris Saint-Germain

Sieg reicht nicht: Bayern-K.o. gegen Paris Saint-Germain

Meistgelesene Artikel

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung
An Aschenputtels Seite wird es hell

An Aschenputtels Seite wird es hell

An Aschenputtels Seite wird es hell
„La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz feiert Premiere in Oldenburg

„La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz feiert Premiere in Oldenburg

„La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz feiert Premiere in Oldenburg
Cannibal Corpse spielt in Bremen – Lehrerin Christa Jenal hat damit ein Problem

Cannibal Corpse spielt in Bremen – Lehrerin Christa Jenal hat damit ein Problem

Cannibal Corpse spielt in Bremen – Lehrerin Christa Jenal hat damit ein Problem

Kommentare