„Bacon“ und „Gestrandet“: Impressionen vom „Norddeutschen Tanztreffen“ in Hannover

Ich tob so wild nach deinem Erdbeermund

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Der „Tanzplan Deutschland“ fördert bundesweit Kooperationsprojekte. „Tanzplan Bremen“ ist für das „Norddeutsche Tanztreffen“ in wechselnden Städten zuständig, dessen achte Ausgabe von der Staatsoper Hannover ausgerichtet wurde.

Geboten wurde ein höchst abwechslungsreicher Querschnitt durch die Szene. So hat die Niederländerin Nanine Linning, Leiterin der „dance company“ am Theater Osnabrück, das Erfolgsstück „Bacon“ aus dem Jahre 2005 mit ihrer Truppe neu einstudiert – diese Version hatte erst wenige Tage zuvor im heimischen Haus Premiere gehabt.

Es ist gut nachzuvollziehen, weshalb das Werk von Francis Bacon (1909-1992) als Inspiration für eine Choreographie dienen kann. Denn das Thema des irisch-britischen Malers ist immer und immer wieder der Körper gewesen, und zwar der Körper in so ziemlich allen denkbaren Deformationen. So will das Stück denn auch um jeden Preis das Tier im Menschen sichtbar machen.

Die drei Tänzerinnen und zwei Tänzer kriechen, krampfen, kämpfen, gehen bis an die Grenzen ihrer physischen Leistungsfähigkeit. Es gibt packende Momente, wenn etwa ein Paar derart verknotet über die Bühne kraucht, dass man die Gliedmaßen kaum noch zuordnen kann, oder die Motorik einer Akteurin fast schon krankhaft aus den Fugen zu geraten scheint.

Doch auf Dauer wirkt das mitsamt den Projektionen von Vogelaugen und Reißzähnen, mit der auf nervig getrimmten Musik doch arg illustrativ: eine wohlfeile Ästhetik des Schreckens, die mit Intensität nicht viel zu tun hat. Zumindest nicht über die Dauer einer Stunde – vielleicht wäre durch eine Verdichtung auf 20 Minuten eine berührende Studie über die Grenzbereiche des Animalischen entstanden.

Eindringlicher, auf jeden Fall variabler geriet der Abend „Gestrandet“ mit vier Stücken des Balletts Kiel im Opernhaus. Die Truppe ließ sich auch dadurch nicht aus dem Konzept bringen, dass sich eine Tänzerin am Vormittag verletzt hatte und ein Programmpunkt ausgetauscht werden musste. Alle vier Choreographien hatten ihre Reize, vor allem nach der Pause ging es zur Sache. Itzik Galili hat mit „Things I told nobody“ einen wunderbaren Reigen zwischen Humor und Poesie entworfen, der gekonnt coole Posen einbindet und mit einem großartig schlichten Solo zu Klavierklängen von Erik Satie endet. Während der Kieler Ballettdirektor Mario Schröder, der nach Leipzig wechselt, in „Erdbeermund“ eine recht enthemmte Damenschar zu Klaus-Kinski-Rezitationen und dynamischer Musik ausgiebig um und mit Wasserschalen herumtoben lässt. Riesenjubel, verdient.

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