Und Marquis de Posa als Julian Assange: Jette Steckel stellt mit Friedrich Schillers „Don Carlos“ die Systemfrage

Wikileaks am Königshof

Yoga statt Fernsehen: Don Carlos (Mirco Kreibich, l.) und Marquis de Posa (Jens Harzer, r.) im kargen Gefängnis des spanischen Königshauses.

Von Johannes BruggaierHAMBURG · Hätte es am Hofe von Philipp II. schon Internet gegeben, wäre Don Carlos vielleicht König geworden. Dann hätten die Ebolis und Elisabeths ihre Depeschen gleich per Mausklick weiterleiten können: an die Plattform Wikileaks, deren Gründer nicht Julian Assange geheißen hätte, sondern Marquis de Posa.

Das Programmheft zu Jette Steckels Schiller-Produktion am Thalia Theater legt dieses Szenario jedenfalls nahe. Als „Leck im System“ wird darin der Marquis bezeichnet, eine Abhandlung von Assange selbst über die Wahrheit und ihre Propheten tut ein Übriges.

Hätte es am Hofe von Philipp II. schon Internet gegeben, wäre „Don Carlos“ aber wohl nie geschrieben worden. Denn nichts liebte Friedrich Schiller mehr, als den handschriftlichen Briefverkehr: verdeckt übermittelte Notizen, mit denen sich herrlich leicht Intrigen spinnen lassen. Und so bleibt auf der Bühne des Thalia Theaters alles beim Alten. Da werden Briefe geschrieben, gefälscht und gestohlen, dass es nur so kracht. Ganze Papierberge türmen sich auf dem königlichen Schreibtisch, und wenn Philipp II. nur von weitem ein neues Schriftstück erahnt, das geheime Botschaften enthalten könnte, setzt er flugs zum Hechtsprung an.

Das alles findet statt in einer finster schwarzen Burg mit tausend Räumen, alles derart verwinkelt und verschachtelt, dass man niemals weiß, ob hinter der nächsten Ecke nicht ein Spitzel lauert. Bemerkenswert raffiniert ist diese Konstruktion von Florian Lösche: eine Drehbühne mit sechs verschiedenen Wandelementen, die je nach Stellung königliche Büroräume, Schlafgemächer, Hinterzimmern oder Kerkerzellen umschließen.

Es ist ein perfektes System der Überwachung. Wer benötigt einen solchen Apparat? Der Ängstliche. Als solcher jedenfalls entpuppt sich Spaniens König Philipp II. (Hans Kremer) bei näherer Betrachtung. Sein strenger Blick, die starre Körperhaltung, der schnarrende Tonfall: Es muss anstrengend sein, diese Fassade der Selbstgewissheit aufrecht zu erhalten. Der Grund für diese Anstrengung trägt lange Haare und Ringelpullover. Don Carlos (Mirco Kreibich), führt seinem Vater täglich dessen eigene Fehlerhaftigkeit vor Augen. Was muss das für ein König sein, der ein solch schmächtiges Wesen zeugt? Hat diese Kreatur, sein Sohn, nicht schon mit ihrer Geburt die tugendhafte Königin dahingerafft?

„Mir graut‘s vor dem Gedanken, einsam und allein auf einem Thron zu sitzen!“, rotzt der Infant seinen Vater an. Der blafft kalt zurück: „Ich bin allein!“ Es soll sich selbstbewusst anhören, wie die machtvolle Antwort auf eine schmachvolle Frage. Doch es ist bloßer Selbstschutz, ein Trick, um die Angst vor der Einsamkeit zu besiegen. Je höher Philipp den Schutzwall baut, desto größer werden die Geschütze seines Sohnes. Und je größer die Geschütze seines Sohnes, desto höher der Schutzwall. Die totale Überwachung: Letztlich ist sie nichts weiter als das Ergebnis eines Minderwertigkeitskomplexes.

Und das System funktioniert ja auch – jedenfalls so lange, bis der Julian Assange des 16. Jahrhunderts auftritt. Marquis de Posa (Jens Harzer) dringt aus der Welt da draußen ins dunkle Gemäuer herein. Wenn er mit dem König redet, so scheint es, als werde alles ein wenig heller und luftiger, als öffne gerade jemand die Fenster, um den Überwachungsstaat einmal kräftig durchzulüften. Als wäre nichts dabei, parliert der Marquis ohne jede Unterwürfigkeit, blickt er dieser menschlichen Machtmaschine unverdrossen in ihre kalten Augen. Großartig ist das, wie Jens Harzer schnoddrig und weltläufig zugleich die autonome Stellung seiner Figur herausarbeitet. Was eigentlich daran so schlimm wäre, nur ein König unter Millionen zu sein? Warum überhaupt alle immer und überall kontrollieren? „Geben Sie doch mal Gedankenfreiheit!“ – nur mal so, als Vorschlag.

Da wird plötzlich ein anderer König Philipp sichtbar, einer, der sich nach einer angstfreien Existenz sehnt, nach einem Leben, wie es allem Anschein nach diesem seltsamen Fremden vergönnt ist. Doch das System erweist sich als stärker, und es liegt nicht mehr in der Hand des Königs über Alternativen zu seinem Regierungshandeln zu entscheiden.

In Schillers Dramen, sagt Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer, glauben „große Figuren mit ihresgleichen spielen zu können“. Bald begreife man aber, „dass nicht Menschen mit Systemen, sondern (menschengemachte) Systeme mit Menschen“ spielen.

Jette Steckel führt diesen Mechanismus mit beeindruckender, gnadenloser Stringenz ihrem Publikum vor, lässt immer mehr Spitzel an Türen horchen, formt mit immer neuen Wandkonstruktionen immer weitere Nischen und Flure. Am Ende spinnt selbst der Marquis an den Intrigen mit, was weder ihm noch Don Carlos den Kopf rettet.

Das System ist auch ohne seinen schärfsten Gegner dem Untergang geweiht. Was noch lange kein Grund zur Hoffnung ist. Das nächste steht nämlich schon parat: in Gestalt des Großinquisitors (André Szymanski). Der knallt Don Carlos, den legitimen Thronfolger kurzerhand ab – in einem Hinterhof, fernab des Königspalasts.

Wahrheit, sagt Julian Assange, könne „die Menschen frei machen“, frei von den Manipulationen des herrschenden Systems. Am Ende aber, wenn die alte Ordnung vernichtet ist, bleibt etwas übrig: die Saat des neuen Systems. Eines besseren? Nach diesem „Don Carlos“ besteht für diese Hoffnung kein Anlass.

Weitere Vorstellungen: am 2. und 16. Februar, jeweils um 20 Uhr sowie am 7. Februar um 19.30 Uhr.

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