Wieland Försters „Große Neeberger Figur“ in Bremen

Strecken tut weh

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Wieland Förster: „Große Neeberger Figur“ (1971-74).

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Sie haben extra den Eingang zugebaut. Ein grauer Bretterverschlag reduziert die großzügige Öffnung zum Hauptausstellungsraum des Gerhard-Marcks-Hauses in einen schmalen Gang. Dort hinten, an dessen Ende reckt sie sich in die Höhe: die „Große Neeberger Figur“ von Wieland Förster, eines der wichtigsten Zeugnisse der Bildhauerkunst in der DDR.

Es ist der Versuch einer vertikalen Extreme des menschlichen Körpers. Anfangs, aus größerer Distanz wirkt er flächig wie ein Schattenriss. Doch je näher man ihm kommt, desto mehr scheint sich die Figur ihrem Betrachter entgegen zu beugen. Dann ist es, als schlüge Pathos in Schmerz um, Stolz in Demut. Und doch lässt sich Gewissheit darüber nicht erlangen, weil das einzige Fenster fehlt, das Einblick in die seelische Motivation dieser Haltung gewähren könnte: das Gesicht.

So ist der Mensch in der totalen Vertikale ein Bild ohne Geschichte. Und genau das, sagt Museumschef Arie Hartog, war auch die Absicht. Denn Geschichten waren das Fundament eines sozialistischen Kunstverständnisses, jedenfalls dann, wenn sie optimistisch waren. Optimismus ist allerdings Mangelware in der Kunst, auch im real existierenden Sozialismus, dessen wenig erbauliche Seite Wieland Förster nach Kriegsende als Gefangener im „Speziallager“ Bautzen sehr plastisch vor Augen geführt bekommen hatte. Wie also ließe sich Figürliches abseits des üblichen Arbeiter-und-Bauern-Kitschs zeigen? Skulpturen, die sich dem Optimismus entziehen, ohne damit dem Konzept des „sozialistischen Realismus“ zu widersprechen?

Das Marcks-Haus zeigt Lösungsversuche und Inspirationsvorlagen aus Försters politischem und zeitlichem Umfeld. Künstler wie Wolfgang Thule, die sich aus der Klemme zu befreien versuchten, indem sie sich klassischer Formen wie dem Torso bedienten – auch hier also der Trick, auf potenziell verräterisches Mienenspiel einfach zu verzichten.

Als Grenzmarkierungen zwischen Abstraktion und Figürlichkeit lassen sich dagegen die typischen Kegelformen des Joannis Avramidis verstehen. In ihrem Spiel mit dem Volumen offenbaren sich Parallelen zur aufreizenden Ausgestaltung der Muskelpartien bei Försters Plastik.

Tatsächlich aber hat sich Förster seiner Figur mehr autonom und chronologisch angenähert als durch den Abgleich mit zeitgenössischen Ästhetiken. Darauf lassen frühe Studien schließen, in denen das unheimlich schlanke und zugleich muskulöse Wesen noch eine biedere Hausfrau ist, die von ihrem Betrachter schlicht beim Entkleiden erwischt wird.

Es ist etwas von dieser hausbackenen Bürgerlichkeit erhalten geblieben im Körper der Neeberger Figur, etwas, das dem Betrachter ein Wiedererkennen von eigener Lebenswirklichkeit ermöglicht. Im gestreckten Körper spiegeln sich Streben und Schmerz des modernen Menschen, in seiner Anonymität die Auflösung des Individuums im Kollektiv.

Auch wenn der Ausstellungstitel („Figur tut weh“) selbst weh tut: Im Marcks Haus erfährt dieses bedeutende Werk aus der Bildhauerkunst der DDR eine größtenteils überzeugende Einordnung und Kommentierung. Zwar liegt nicht jeder Bezug zur „Großen Neeberger Figur“ in dieser Schau auf der Hand. In Bernd Altensteins „Sich Abwehrendem“ (1972) etwa wird eher ein spezifisch westlicher Impetus der Rebellion spürbar, der dem zentralen Werk dieser Schau gerade nicht zu eigen ist.

Reizvoll aber sind unvermutete, doch augenfällige Ähnlichkeiten etwa zu Waldemar Ottos bekannter Skulptur „Mann aus der Enge heraustretend“ (1971/72): die Verweigerung von Individualität und Identifikation, die totale Reduktion auf das Körperliche.

Nur ein kleines, aber entscheidendes Detail unterscheidet Ottos Bronze-Mann von Försters schlanker Gestalt. Es ist seine Bewegung, die der Skulptur eben doch eine Geschichte einschreibt: die Flucht aus einer Enge, das Überwinden von Mauern. Solche Erzählungen waren in der DDR dann doch eher schwer vermittelbar.

„Figur tut weh“: Noch bis 12. April im Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Am Wall 208. Öffnungszeiten: Dienstag bis Mittwoch und Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag 10-21 Uhr.

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