Was wiegt mehr, Religion oder Gesetz? Ian McEwan stellt in „Kindeswohl“ die Frage aller Fragen

Zumindest im Schlafzimmer gibt‘s ein Happy End

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Mediengruppe Kreiszeitung

Syke - Von Mareike Bannasch. Wer behält das Tafelsilber von Tante Auguste? Und noch viel wichtiger: Wer bekommt den Golden-Retriever? Überlebenswichtige Fragen, um die sich Familiengerichte fast täglich kümmern müssen. Sie sind immer dann gefragt, wenn die Ehe in Trümmern liegt und das Traumpaar von einst schon lange nicht mehr miteinander spricht. Dort, wo die Kommunikation versagt, bleibt am Ende nur noch der Richter. Ein einsamer Schiedsrichter, der weit mehr im Auge haben muss als nur den geliebten Vierbeiner oder das Erbe der Tante – sehr viel mehr. - Von Mareike Bannasch.

Denn hinter fast jedem dieser zunächst gesichtslosen Fälle steckt das Schicksal eines Kindes. Spätestens wenn es um den Nachwuchs geht, hört der Spaß auf. Immerhin sind sie der Spiegel ihrer Eltern, in ihnen leben Mutter und Vater weiter. Klar, dass da mit harten Bandagen um Einfluss gekämpft wird, ohne Rücksicht auf Verluste. Und mehr denn je ein parteiloser Schiedsrichter gefragt ist.

Diese Instanz bildet in Ian McEwans neuem Roman „Kindeswohl“ Fiona Maye, angesehene Richterin am High Court in London. Sie ist die Frau für besonders knifflige Fälle, eine von ihr angeordnete Trennung siamesischer Zwillinge verhalf ihr einst zu landesweitem Ruhm. Ein Urteil, dass die Richterin wie all die anderen auch penibel begründet, immer entlang des Gesetzes. Jenem Regelwerk, das ihrem Leben Struktur verleiht, privat und beruflich.

Zumindest bislang, denn nun ist Maye mit dem vielleicht schwierigsten Fall ihrer Karriere konfrontiert. Wieder soll sie Gott spielen, über Leben und Tod entscheiden. Diesmal muss es besonders schnell gehen, die Zeit drängt. Ein junger Mann, nur noch wenige Monate trennen ihn von der Volljährigkeit, ist unheilbar an Leukämie erkrankt und hat nur noch einige Tage zu leben. Zumindest, wenn er keine Bluttransfusion bekommt, die er und seine Eltern, sie sind Zeugen Jehovas, strikt ablehnen. Doch wie weit darf der Einfluss der Eltern gehen, zumal, wenn sie von Dogmen geleitet sind? Und was muss sich am Ende durchsetzen – das Rechtssystem oder doch die Religion?

Fundamentale Fragen, die McEwan da heraufbeschwört – und denen man mit Logik gar nicht erst zu kommen braucht. Das merkt auch Fiona Maye, die sich diesmal nicht an den Halt des Gesetzes klammen kann, und direkt einen Besuch in der Klinik anberaumt. Atmosphärisch dicht beschreibt McEwan hier in einer der eindrucksvollsten Szenen des Romans den Schlagabtausch zwischen Recht und Religion, Jugend und Alter, Reife und Naivität.

Und zwischen zwei Menschen, in deren Welt es quasi von Haus aus kein Vielleicht gibt, nur ja und nein, richtig oder falsch – Scheitern ist hier vorprogrammiert. Zumindest verlieren sie am Ende beide, der bildhübsche, intelligente Mann und die ältere, gesetzestreue Richterin. Der eine, weil er per Urteil am Leben bleiben muss und darüber den Glauben an die Regeln der Religion verliert. Und die andere, weil sie erkennen muss, dass Regeln und Gesetze eben nicht die Antwort auf alles sind, sondern bestenfalls Anhaltspunkte liefern und nichts zusammenhalten können, was sowieso schon nicht mehr zu retten ist.

Wie zum Beispiel ihre Ehe. Denn auch die ist Thema in dieser etwas über 200 Seiten starken Geschichte. Mit ihrem Mann ist Maye bereits seit Jahren verheiratet, ihr Leben spielt sich im Einklang mit den gesellschaftlichen Normen ab. Ein schickes Haus, akademische Karrieren, genug Geld – darüber haben sich die beiden verloren. Was allerdings nur der holde Gatte bemerkt, der genug hat vom Leben zwischen Gesetzesvorlagen und Abendgesellschaften. Er will ausbrechen und sehnt sich, wie sollte es auch anders sein, nach einer letzten leidenschaftlichen Affäre. Das hat man so schon hunderte Male gelesen und dennoch dreht McEwan den Moment des Betrugs noch etwas weiter. Der Gatte bittet vor seinem Seitensprung nämlich um die Erlaubnis der Ehefrau. Selbst im Moment des Verrats sucht auch er fast schon verzweifelt den Halt der Konventionen.

Regeln, sie sind der Knotenpunkt in McEwans neustem Werk. Ein Drama, das viel will, vielleicht manchmal zu viel. Nicht nur, dass sich der Brite auf brillante Art an seinem Lieblingsthema abarbeitet: dem Scheitern gesellschaftlicher Regeln und Normen und wie sich dies auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirkt. Um dies zu untermauern, schafft er einen Nebenschauplatz: die Ehe der Richterin. Voller Klischees beschwört er deren Scheitern herauf – nur um die Brüche wie aus dem Nichts wieder zu kitten. Fast, also wollte er bei ihnen etwas heraufbeschwören, was im Gerichtssaal so gut wie nie gelingt: ein Happy End.

Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes Verlag, 19,90 Euro

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