Die wiedergefundene Musik des habsburgischen Kaisers Leopold I.

Vollkommen italienisch

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Unter Zeitgenossen galt er als der „Friedenskaiser“, denn im Gegensatz zu Ludwig VIX führte Leopold I nur Verteidigungskriege. Eigentlich hatte er aber ein einziges Interesse: die Musik. Über 160 geistliche Werke hat er komponiert, Opern, Serenaden, Kantaten.

Manfred Cordes

Jetzt ist der Bremer Cembalist und Chorleiter Jörg Jacobi auf diese Musik gestoßen. Und der Fachmann für die Musik des 17. Jahrhunderts, Manfred Cordes und sein Ensemble „Weser-Renaissance“ griffen zu: Wir sprachen mit beiden über ihre aufsehenerregende Entdeckung. Zuhören sind Leopolds Melodien ab heute in einer Konzertreihe.

Herr Jacobi, wie sind Sie auf die Musik von Leopold gestoßen?

Jörg Jacobi: Ich war auf der Suche nach Musik zum Thema Orpheus. Da fand ich eine Oper des Wiener Hofkomponisten Antonio Draghi und stieß damit auch auf dessen komponierenden Kaiser. Ich habe mir die Musik angesehen und war erstaunt, wie viel das war und vor allem, in welcher Qualität.

Das Material sind Stimmen?

Jacobi: Ja. Alle handschriftlich, davon die meisten in der österreichischen Nationalbibliothek. Aber auch in Uppsala, Schwerin und anderen Bibliotheken habe ich seine Musik gefunden, die oft nur mit S.M.C. – Sua Maestà Cesarea unterschrieben ist.

Von einem unvorstellbarem Prunk wird in Bezug auf den Wiener Hof berichtet. 60000 Gulden hat der musikbegeisterte Kaiser jährlich nur für seine angestellten Musiker ausgegeben – das entspricht einer Eurokaufkraft von zehn Millionen achthunderttausend. Nicht schlecht. Wie muss man sich konkret das musikalische Leben am Wiener Hof vorstellen?

Jacobi: Den ganzen Tag Musik! Zum Aufstehen, Essen, den abendlichen Unterhaltungen und zum Schlafengehen. Das war jeden Tag so. Er beschäftigte bis zu 82 Musiker, davon 34 Sänger.

Manfred Cordes: Und er hatte einen riesigen Verwaltungsapparat, dem er – unerfahren wie er war – bis zu einem Putsch gegen ihn zunächst die Regierungsgeschäfte überlassen hatte.

Gibt es Äußerungen von Leopold über andere Künstler, über Produktionsbedingungen und vieles mehr?

Jacobi: Es gibt zum Beispiel Briefe, mit welchen Strategien er die vorgeschriebene Hoftrauer umgehen könnte, denn da gab es ein Jahr lang keine Musik! Er war bei den Aufnahmeprüfungen für seine Musiker immer selbst dabei, er hat seine Musiker in den Adelsstand erhoben – ungeheure Kosten waren hier die Folge.

Es heißt, es musste verschwiegen werden, dass der Kaiser komponierte. Wie muss man sich dieses „Verschweigen“ vorstellen?

Jacobi: Die Prinzessinnen, die sich bei ihm um die Ehe bewarben – er war dreimal verheiratet –, schickten selbstgeschriebene Noten mit. Die verhandelnden Diplomaten probierten dies zu verheimlichen. Ab dem neunzehnten Jahrhundert wurde immer wieder entschuldigt, dass Leopold Musik schrieb und man folgerte dann auch: „Das kann ja gar nicht gut sein“.

Cordes: Dieses „Das kann ja nicht gut sein“ setzt sich bis in die heutige Zeit fort.

Herr Cordes, beschreiben Sie mal die Musik von Leopold. Wer sind sozusagen die „Vergleichskünstler“?

Cordes: Es ist Musik ihrer Zeit mit einer großen Affektpalette, die er äußerst geschickt abwechselt. Seine Musik ist traurig, getragen, hat immer den „miserere“-Affekt. Sie ist im Prinzip vollkommen italienisch. Das Experimentelle von Monteverdi mit seiner „seconda prattica“, also dem modernen expressiven Stil, hatte man ja bereits wieder verlassen. Auffällig ist, wie er kleinteilige Passagen miteinander verbindet.

Jacobi: Er hat einen kraftvollen Personalstil, überrascht durch ganz eigene harmonische Wendungen und geht immer ganz schnell ins Moll. Durchreisende Diplomaten berichten, dass der Kaiser verstehe, „traurige Musik sehr gut zu schreiben“. Mich erinnert seine Musik an die von Cavalli.

Hätte Leopold ein sozusagen „normales Komponistenleben“ führen können, hätte er heute seinen Platz in der Musikgeschichte?

Cordes: Das ist schwer zu beantworten, weil wir nicht wissen, was herausgekommen wäre, hätte er dieses Leben führen können. Aber: Ja, wenn man Quantität und Qualität seiner Werke betrachtet, gehört er unbedingt dazu.

Was erwartet uns in den einzelnen Konzerten?

Cordes: Zunächst einmal die Vesper auf sein eigenes Namensfest, er war ein strenger Katholik. Dann „Orfeo e Euridice“, geschrieben zu Begrüßung seiner ersten 15-jährigen spanischen Frau Margarita Teresa. Da gibt es viele parodistische Elemente, wenn zum Beispiel Orfeo am Eingang in den Hades gefragt wird, was er hier eigentlich mache, Musiker gibt es hier doch schon genug, wenn statt Wasser Wein verlangt wird, und vieles Komische mehr. Das dritte Konzert ist die Totenmesse für seine junge Frau, die bei der Geburt des sechsten Kindes starb. Und das vierte Konzert endlich ist das Oratorium „Il Sacrifizio d'Abramo“, sein erstes Werk dieser Art.

Die Termine: Heute: Vespro solemne, Festkonzert zum Leopoldstag: Unser Lieben Frauen Kirche, 20 Uhr.

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