„Why so serious?“: Eine Ausstellung in Bremen versucht es mal mit Leichtigkeit

Komplexität ist an sich ja nichts Schlimmes

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Harald Falkenhagen: „auch nicht lustig.“

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Es ist der Kunst die Muße abhanden gekommen. Wo es einst um Schönheit ging, hat die kühle Wissenschaft Einzug gehalten, statt unbefangener Gespräche herrscht hochgestochener Akademikersprech, und was einmal heitere „Kunstwerke“ waren, sind längst ernste „Arbeiten“ geworden. So lässt sich unfreiwillige Komik nicht leugnen, wenn eine Ausstellung „Arbeiten mit Humor“ ankündigt – wie aktuell in der Bremer Galerie Kramer.

Arbeiten und dabei auch noch Spaß haben: Geht das überhaupt? Vielleicht, wenn sich die humoreske Leichtigkeit in dieser ganzen heiligen Bedeutungsschwere ganz von alleine enthüllt. Bei Christian Orendt zum Beispiel hat es diesen Anschein, wenn er auf luftig flatternden Schriftbändern gängige Künstlerphrasen zum Thema „Komplexität“ zum Besten gibt. „Komplexität ist an sich ja nichts Schlimmes“, heißt es da. Oder auch: „Komplexität kann etwas sehr, sehr schönes sein!“ Man kann sich den wichtigtuerischen Gestus wunderbar vorstellen, in dem solche Wortmeldungen fallen.

Witz entsteht aus Reibung, und was sich da reibt, ist im besten Falle das Bedeutende mit dem Unbedeutenden. Bei Jub Mönster zeigt sich das Bedeutende im Pathos neoromantischer Landschaftsgemälde. Alte Schinken werden von ihm um wesentliche Details bereichert: Figuren, die der Naturszene erst einen Sinn verleihen. Vor dem mächtigen Gebirgsmassiv im dämmrigen Licht blickt nun eine Hausfrau in hellblauem Kleid versonnen Richtung Horizont. „Der große Augenblick der Selbstbestimmung“ ist ihr laut Titel in diesem Moment gekommen: Emanzipationsfantasien im Heimatfilmambiente. Woanders geht es lustiger zu, eine fröhliche Gruppe biederer „Nachtwanderinnen“ verabschiedet mit eifrigem Winken den Tag. Da klammern sich Hände bedächtig an Handtäschchen und Blusen fest, nur bedingt alpentauglich beschuhte Füße achten darauf, nicht allzu tief im Dreck des unwegsamen Geländes einzusinken. Sehnsucht nach Naturidylle trifft auf Sorge vor textiler Verunreinigung, Freiheitsstreben auf Ordnungssinn.

Nicht immer kommt die ironische Substanz so filigran zur Geltung. Julian Öffler präsentiert sich im Video als ewig suchender Künstler: suchend nach dem Ausweg aus ebendieser ständigen Suche, der künstlerische Wille als Schreckgespenst des auf höhere Gewalten hoffenden Genius. Seine ausgiebige Flucht vor sich selbst, aufgenommen irgendwo in der norddeutschen Tiefebene, landet genau dort, wo er immer hin wollte – nämlich in einer ganz und gar ungewollten Aktion: Der Künstler tritt in ein Loch, verstaucht sich den Knöchel. Na ja.

Irgendwie ist es am Ende dann doch wieder Harald Falkenhagen, der mit seinem altbekannten Stilmittel des strengen schwarzen Rahmens mit einem locker flockigen Sprüchlein darin einfach am zuverlässigsten eine Pointe auf die Wand zu setzen vermag. Einen „Frischetest“ kündigt das erste von sieben Blättern an, wie immer akkurat mit Datum und Uhrzeit versehen (2.9.09, 12.22 Uhr bis 12.23 Uhr). Es folgen ein paar verwaschene Pinselstriche in Gelb, ehe der um seine Farbsättigung besorgte Tester auf dem letzten Exemplar erleichtert feststellt: „Alles in Ordnung.“ Und wer hier nicht mindestens einmal leise in sich hinein gelächelt hat, den tröstet auf dem Weg nach draußen ein weiterer Satz über die verpasste Chance hinweg: „auch nicht lustig“, ist dort in trauriger Knappheit zu lesen.

Vielleicht lässt sich der so eigentümlich verwissenschaftlichten Kunst dieser Tage und Gesellschaft gar nicht anders ein Funken Frohsinn abgewinnen als mit solchen gewichtigen schwarzen Lettern in ernsten schwarzen Rahmen. Wenn das alltägliche Ärgernis der intellektuellen Selbstbeweihräucherung seine ironische Brechung erfährt, kann dies auf den Betrachter nur wie eine Befreiung wirken. Endlich einmal Albernes auch albern finden dürfen: Die kleine Schau in der Galerie Kramer macht’s möglich.

Bis 15. August in der Galerie Kramer, Vor dem Steintor 46, Bremen. Öffnungszeiten: Mi.-Fr. 15-19 Uhr, Sa. 11-15 Uhr.

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