„Whiskey in the Jar“ im Bremer Musicaltheater: Tanzshow „Irish Celtic“ huldigt dem irischen Geist

Kehrwoche im Pub

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Wohl bekomm‘s: Toby Gough (M.) – ohne Sonnenbrille, aber mit Zigarre. Und seinem Ensemble.

Dublin - Von Johannes Bruggaier. Wenn das Königin Elisabeth I. wüsste! Tausende Mädchen drängeln sich vor der Bühne des „Citywest“-Hotels bei Dublin. Lockige Haare mit Glitzerkram, knallbunte Kleidchen und ein großer Traum: dort oben auf der Bühne den Sieg davonzutragen in den „All Ireland Championships of Irish Dance“ –so schnell, so exakt und so leicht zu steppen wie keine andere unter dem Transparent mit der irischen Harfe.

Stepptanz? Harfe? So hatte sich die englische Königin einst nicht die Zukunft vorgestellt, als sie Anfang des 17. Jahrhunderts sicherheitshalber mal alles verbieten ließ, was nach irischem Kulturgut aussah. Tausende Harfenisten sollen damals einer beispiellosen Exekutionswelle zum Opfer gefallen sein, zahlreiche Tanzmeister wurden aus den Städten verbannt. Irland war England, und nichts sollte daran erinnern, dass man das auch anders sehen könnte.

So bewegt sich der „Spirit of Ireland“: Die Tänzer von „Irish Celtic“ bei ihrer Performance im „Brazen Head“.

400 Jahre später legt eine Achtjährige aus Limerick eine Tanzeinlage aufs Parkett, dass dem unkundigen Gast vom Kontinent Hören und Sehen vergeht. Eine Steppkaskade zu Musik vom Band, angereichert mit ansatzlosen Sprungelementen. Die Arme eng am Körper, als seien sie festgewachsen. Die Beine aber über Kreuz und wieder zurück, die Füße mal links gedreht, mal rechts – alles im Bruchteil einer Sekunde. Und als Zuschauer inmitten der aufgeregten Mädchenschar: ein Mann mit Baseballmütze und Sonnenbrille.

Toby Gough ist so etwas wie der Tanzmeister des modernen Showbetriebs. Er hat Produktionen wie „Lady Salsa“, „Miami Libre“ und „Brazil! Brazil!“ entwickelt, zuletzt „The Bar at Buena Vista“. Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass er mit einer neuen Idee durch die Welt tourt, als „unaufhaltsame Theatermaschine“ hat ihn einmal ein Magazin bezeichnet.

Die Maschine ist hier, weil sie bald wieder ein neues Stück ausspucken wird, diesmal eines über die grüne Insel. „Irish Celtic“ heißt es, und es verspricht nichts weniger, als den „Geist Irlands“ zu vermitteln.

Lebt dieser Geist etwa in einem nüchternen Hotelsaal? „Nein“, sagt Gough, lacht laut auf und nimmt die Sonnenbrille ab: „Wo denken Sie hin? Der lebt natürlich im Pub!“ Und er zeige sich auch nicht allein im Steppschritt mit angelegten Armen: „Irischer Tanz ist weit mehr als das, was Sie hier sehen.“ Man möge doch einfach am Abend mal ins „Brazen Head“ kommen, Irlands ältester Kneipe. Zum spontanen Probeauftritt seiner Truppe vor echten Dubliner Pubgängern: Wird da geklatscht, kann am „irischen Geist“ der Show kein Zweifel bestehen.

Am Abend gibt es kaum ein Durchkommen, die Hütte ist gerammelt voll, aber das sei hier immer so, ruft ein blendend gelaunter Toby Gough an der Theke, während er dem Wirt ein Pint Guiness-Bier abnimmt. Vorne haben sie Tische und Stühle zur Seite geräumt, damit er genügend Platz hat: Diarmuid Meade, der „beste Besentänzer der Welt“, wie Gough erklärt. Zu sehen ist ein großer Junge mit klassisch irischer Schirmmütze. Erst zeigt er schelmisch auf seinen im Publikum erhaschten Chef, dann wirft er seinen Besen auf den Boden, um gleich darauf zur Musik der vierköpfigen Band in wohlbekannter Manier um ihn herumzusteppen, als wollte er den irischen Geist allein aus diesem Putzgerät heraufbeschwören. Plötzlich greift Meade zum Stiel, richtet ihn auf, tanzt über ihn hinweg: einfach drüber, als wäre der Stiel gar nicht da, mit hochgeschwungenen Beinen in atemberaubendem Tempo und verblüffender Leichtigkeit. Das also hat Gough gemeint, mit „mehr als das“?

„Na ja, nicht nur das“, sagt Gough und befiehlt: „Schauen Sie genau hin, auf die Arme zum Beispiel!“ Tatsächlich: Sie sind in Bewegung. Lange nicht so weit ausgreifend wie im Ballett, aber doch unverkennbar flexibler als bei den an Zinnsoldaten erinnernden Körperhaltungen der Mädchen im „Citywest“-Hotel. „Das ist Sean-nós!“, ruft Gough: „Auch klassisch irisch – aber eben anders!“ Und dann setzt er bedächtig sein Guiness ab, schiebt die Baseballmütze hoch und erzählt: Davon, wie es kam, dass diese ungezwungene Art des irischen Tanzes einst von der Zinnsoldatenvariante verdrängt wurde.

„Es waren einmal“, so hebt er an, „irische Soldaten in englischen Fesseln. Ihr Land war besiegt, aber nicht ihr Stolz. Und weil der irische Stolz im irischen Tanz seinen Ausdruck findet, tanzten sie also: nur mit den Beinen, denn die Arme waren gefesselt.“

„Ganz falsch!“, ruft da sein Sitznachbar und knallt sein Pint Guiness auf die Theke: „Die Geschichte geht anders! War einmal ein Pub knallvoll, keiner konnte mehr den Arm bewegen. Einer wollte ‘n Guiness bestellen. Bloß: Wo war der Wirt? Is‘ er hochgesprungen, um zu gucken: Aber mit angelegten Armen – ging ja nich‘ anders!“

Und während der Nachbar erzählt, nickt Gough schuldbewusst. Zur Ursache der angelegten Arme im irischen Tanz, sagt er, gebe es tatsächlich tausend Geschichten. Nur welche davon die richtige sei, das hätten die Iren leider vergessen. In seiner Show aber werde er alles zeigen: den klassisch irischen Tanz, den Sean-nós wie auch den zeitgenössischen Tanz im Stil Michael Flatleys. Und alles im echten Irish-Pub-Ambiente.

Warum aber ist er nun im Pub zuhause, der Geist des irischen Wesens? „Na, selbstverständlich weil hier alle Dramen des irischen Lebens spielen!“, ruft Gough pathetisch. „Hier lädt der Ire zur Hochzeit ein, und hier begeht er seine Trauerfeier. Und niemand käme auf die Idee, ihn dafür zu kritisieren, denn der Pub ist in Irland eine Religion, eine Kirche!“ Er nimmt noch einen tiefen Schluck aus seinem Pint, setzt es ab, blickt nachdenklich ins Glas. Die Band spielt jetzt „Whiskey in the Jar“, vier Tänzer steppen im klassischen Stil. Dann sagt er: „Ach was. Mehr als das. Der Pub hat die ganze Woche auf. Die Kirche nur sonntags.“

Premiere am 2. Januar um 20 Uhr im Musicaltheater Bremen. Karten unter anderem bei nordwest-ticket.de

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