Weserburg: Meisterschüler der Bremer Kunsthochschule stellen aus

Junges und Neues

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Ist die Weserburg am Ende nicht auf Sand, sondern Sumpf gebaut? Wenn es nach dem Team um den neuen Direktor Peter Friese geht, vielmehr auf „junge Kunst“.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Als man 1991 zur Eröffnung der Weserburg Lawrence Weiners kryptischen Satz aufs Gebäude pinselte, wonach dieses Haus „auf Sand gebaut“ sei, jedoch „tatsächlich auf anderem Grund“ – da ahnte man noch nicht, welche politisch brisanten Deutungen dieses Rätsel erfahren würde. Ist dieser Grund womöglich zwar kein Sand, dafür aber Sumpf? Steht das Museum so wacklig auf seiner Insel, dass es sich mit einem halbgaren Gutachten zum Einsturz bringen ließe?

Am Donnerstag hat nun der Stiftungsrat endlich die zwei Jahre währende Hängepartie beendet und Interimsdirektor Peter Friese endgültig die Leitung des Hauses übertragen. Bei aller Vorsicht vor politischen Unwägbarkeiten darf man das in mancher Hinsicht als eine Vorentscheidung zugunsten der Weserburg verstehen. Fusions- oder Schließungspläne sind damit vom Tisch, und sollte die Politik auf ihren Plänen für eine Verkleinerung der Ausstellungsfläche beharren, muss sie sich auf stärkeren Widerstand gefasst machen: Friese darf das Museum nun auch juristisch vertreten.

So erlaubt man sich am Teerhof nun wieder, Weiners Spruch im eigenen Sinne zu deuten. Natürlich sei weder Sand noch Sumpf, sondern vielmehr „junge Kunst“ gemeint: „Auf andere Gründe kann ein Museum für Gegenwartskunst nicht bauen.“ Konkret geht es um die diesjährige Ausstellung der Meisterschüler an der Bremer Kunsthochschule, die heute eröffnet wird.

Nun bedeuten „junge Künstler“ noch lange nicht „junge Kunst“. Insbesondere in der Konzeptkunst, die an der Bremer Hochschule schon immer stark vertreten war, wirkte so manches, was in den vergangenen Jahren als jung gepriesen wurde, ziemlich althergebracht. Die Herausforderung kann aber nicht in der millionsten Wiederholung eines Readymades von Duchamp bestehen, sondern allein in der Entwicklung einer eigenen Sprache.

Im aktuellen Jahrgang finden sich einige Künstler, denen diese Aufgabe offenkundig gelingt. Youyou Yang zum Beispiel bringt mit ihrem raumgreifenden Oktogon aus Holzlatten mittels einer einfachen Mechanik fernöstliche Klanginstrumente zum Klingen. In einer Performance will sie dazu Aufnahmen der Apollo-Mission einblenden, auf der jene Gesteinsschichten sichtbar werden, die man einst fälschlich als Meere interpretiert hat. Auch ohne diese Ebene überzeugt die Installation durch ihre Ambivalenz aus Mechanik und Ästhetik, Wissenschaft und Mystik, Wissen und Ahnung.

Das längst gewöhnliche Drängen der Malerei in den Raum beschreibt Emre Meydan auf eine ganz ungewöhnliche Weise. Seine Flächen reduziert er auf ein dunkles Weiß und ein helles Grau, trennt diese dann mit Fäden ab und erschafft somit auf der Fläche eine ebenso schlichte wie gekonnte Raumwirkung. Gewebe und Kreppbänder verleihen dem Ganzen eine wunderbar haptische Anmutung.

Besonders eindrucksvoll ist eine Reihe von Digitalfotografien. Katharina Kreutzkamp hat verlassene Orte besucht. Ihre ausnahmslos während oder auch bereits nach der Abenddämmerung entstandenen Aufnahmen zeigen Treppen, die niemand betritt, Zäune, die nichts abgrenzen, Tischtennisplatten, an denen keiner spielt. Und doch erzählen diese Bilder von verborgenen Ereignissen, als schwinge eine unerhörte Begebenheit in ihnen nach. Die narrative Kraft ergibt sich aus der plastischen Wirkung: Wie gemalt sehen Kreutzkamps Fotografien aus, dabei hat es eine Bearbeitung am Bildschirm gar nicht gegeben – der Eingriff der Künstlerin reduziert sich ganz auf Belichtungszeiten und Blendeneinstellungen. Eine bemerkenswerte Serie.

Der alljährliche „Karin Hollweg Preis“ indes ist wie so oft an den originellsten Arbeiten vorbeigegangen. Preisjuroren mögen keine neuen Ansätze und überraschenden Einsichten, sondern loben im Zweifel die millionste Wiederholung eines Readymades von Duchamp. Ausgezeichnet wird diesmal ein von Tobias Heine eingerichteter Raum, auf dessen linker Wand ein Video die Hände des Künstlers zeigt, während die Stühle, von denen sich dieser Film bequem verfolgen ließe, unpassend hinten im Eck aufgereiht sind: In der Verweigerung sieht die Jury den Clou dieser Installation, schließlich erinnere die Sitzgruppe ja an die unangenehmen Wartezeiten beim Zahnarzt oder in der Behörde. Dass schräg gegenüber vier Handtücher hängen, vervollständigt das Bild der gewollten Symbolik. Kurator Ingo Clauß beschreibt das Ganze im szenetypischen Duktus mit „präzisen Setzungen“ und „Rückbezügen auf kunsthistorische Diskurse“, in den Videohänden sieht er eine „skulpturale Behauptung“ – nun denn.

Es gibt jedenfalls genügend junge Künstler, die den Mut aufbringen, den Erwartungen eines Kunstbetriebs zu entsagen. In der Weserburg zeigen viele von ihnen, was abseits der eingefahrenen Rezeptionshaltungen noch alles möglich ist.

Bis 25. Oktober im Museum Weserburg, Teerhof 20, Bremen. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-20 Uhr.

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