Die Weserburg eröffnet „Künstlerräume“

Mit Pfeil und Bogen im Supermarkt

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Teilt Raum mit Ingo Vetter: Detail aus Marie-Jo Lafontaines „Belle Jeunesse“

Bremen - Von Rolf Stein. Dass die Zur-schaustellung eines Kunstwerks jenes immer auch in ein Verhältnis mit seiner direkten und indirekten Umgebung bringt, versteht sich heute beinahe von selbst. Die Ausstellungsreihe „Künstlerräume“ spielt auf mehreren Ebenen mit diesem Verhältnis.

Die Weserburg ist, wer sie ein bisschen kennt, weiß das, nicht nur deshalb ein besonderes Haus, weil es Deutschlands ältestes Sammlermuseum ist oder weil dort Positionen moderner und zeitgenössischer Kunst zu sehen sind, die in Bremen sonst nicht vorkommen.

Auch architektonisch unterscheidet sich dieses Museum von vielen anderen, lädt mit Zwischenebenen und labyrinthischer Struktur ein, sich zu verlaufen, um dann mit überraschenden Begegnungen neue Orientierung zu ermöglichen. Das geht unter anderem so: Im Raum des Künstlers Horst Müller, einer von mehreren, die neu für Ausstellung „Künstlerräume“ entstanden sind, steht ein schwarzer Quader mit chromblitzender Einfassung, der bekannt vorkommt. Er erinnert an einen berühmten Sessel, einen veritablen Designklassiker von Le Corbusier – nur dass man auf diesem Ding nicht sitzen kann. Es ist in sich „realgespiegelt“, wie Müller das nennt, und zwar gleich mehrfach. Weshalb oben, wo die Sitzfläche wäre, die Unterseite des Sessels ist. Auch vorne und hinten sind vertauscht, rechts und links.

Schaut man sich weiter um, bleibt der Blick an der Uhr hängen, die an der Decke angebracht ist. Beruhigend irgendwie. Zumindest bis zu dem Moment, an dem man feststellen muss: Diese Uhr hat zwar in Zifferblatt, aber keine Ziffern. Und selbst wenn es auch ohne die ginge, weil im Allgemeinen die 12-Uhr-Position auf die eine oder andere Weise kenntlich gemacht ist, ist in diesem besonderen Fall auch das nicht möglich. Alle Stundenstriche sind identisch. Der Eindruck einer bestimmten Uhrzeit stellt sich dennoch ein. Die Blickrichtung suggeriert oben und unten, 12 Uhr und sechs Uhr. Womit uns Müller elegant an der Nase herumgeführt hat. Einerseits. Zugleich führt er uns auch etwas vor – wie sehr nämlich unsere Deutung der uns umgebenden Dinge vom Standpunkt abhängt.

Das Spiel mit Wahrnehmungen setzt sich wenige Räume weiter fort, in einem winzigen Abteil, auf dessen Boden eine Rattenfalle steht. In der tatsächlich eine Ratte steckt – oder nein, doch nicht. Natürlich nicht. Aber das, was da in der Falle steckt, scheint zu atmen. Auch wenn das ein kunstvoller Atem ist, weil nämlich Kunst von Günter Weseler; und trotzdem es nur eine scheinbare Ratte ist, weckt sie im Betrachter Mitleid mit der Kreatur. Was natürlich auch bedeutet: Die Größe des Raums entspricht nicht zwingend der Größe des Assoziationsraums, in dem sich das Werk erst vervollständigt.

Schön greifbar ist diese teilnehmende Vervollständigung bei Alicja Kwade, deren Arbeit „Übergabe“ prosaischer kaum scheinen könnte. Zwei nackte Glühbirnen hängen da nebeneinander und pulsieren unermüdlich abwechselnd. Wobei die eine nicht nur von der anderen angestrahlt wird, sondern zugleich einen Schatten an die Wand wirft. Zu dem sich weitere gesellen: Der Betrachter, der den Raum durchmisst, wird selbst zum Schattenwerfer.

Über den Raum hinaus weist die Arbeit von Erich Reusch, die ebenfalls eigens für die Ausstellung entstand, mit sich kreuzenden Diagonalen aus stählerenen Ziegeln, die geometrische Eindeutigkeiten verweigern und an ihren sichtbaren Enden einerseits auf Durchgänge zu weiteren Künstlerräumen weisen – andererseits auf schwarze Flächen treffen, die das Weiß der Wände gleichsam durchlöchern.

16 Positionen umfassen diese Künstlerräume, mal ineinander übergehend, mal strikt abgetrennt, wie Christian Jankowskis Videoarbeit „Die Jagd“, in der der Künstler zu sehen ist, der mit Pfeil und Bogen in einem Supermarkt auf Jagd geht – um die erlegten Nahrungsmittel ganz gesittet an der Kasse zu bezahlen.

Auch das so ein potenzieller Augenöffner, wie sie hier in Reihe geschaltet sind, wodurch tatsächlich etwas entsteht, das größer als die Summe seiner Teile ist.

„Künstlerräume“: Eröffnung

heute, 19 Uhr, Weserburg

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