Kunstsammlungen Böttcherstraße zeigen Paula Modersohn-Becker als „Pionierin der Moderne“

Das Wesen des Menschlichen

Paula Modersohn-Becker: „Zwei Mädchen an einem Birkenstamm stehend“, 1902.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · In Österreich war die Ausstellung ein großer Erfolg. Erstmals bot sich dort dem Publikum die Möglichkeit, das Werk von Paula Modersohn-Becker in einem repräsentativen Überblick zu sehen. Der Ausstellungsort Krems selbst war ein Signal: Die Kunsthalle der Stadt gilt als Forum für zeitgenössische Kunst oder zumindest für historische Avantgarden. Der passende Ort also, mit einer „Pionierin der Moderne“, so der Untertitel der Retrospektive, bekannt zu machen.

Nun ist die Schau nach Bremen gekommen. Hier für die 1907 verstorbene Malerin als wichtige Vertreterin der klassischen Moderne zu werben, klingt wie Eulen nach Athen tragen. Vor drei Jahren traten die Kunsthalle Bremen und die Kunstsammlungen Böttcherstraße erfolgreich den Nachweis an, dass die allzu oft mit „den Worpswedern“ assoziierte Malerin eher auf Augenhöhe mit den bahnbrechenden Franzosen um 1900 anzusiedeln ist. Die Zusammenstellung für die österreichische PMB-Premiere nicht auch als Heimspiel in der Böttcherstraße zugänglich zu machen, bevor die Werke wieder auf ihre Stammplätze in den hiesigen Sammlungen verteilt werden, hätten die Verantwortlichen allerdings als Unterlassungssünde gewertet.

Sie hatten recht. Es lohnt sich auch für ein mit dem Werk Paula Modersohn-Beckers inzwischen vertrautes Publikum, die Präsentation im Stammhaus der Künstlerin anzuschauen. Aufgrund von Leihgaben privater Sammler sind Entdeckungen von Bildern möglich, die zuvor nie in Bremen zu sehen waren. Ein Mädchenbildnis zeigt einen kühnen Formatanschnitt und in der Figurenzeichnung eine neue Facette in der Porträtkunst der Malerin. Eine wunderbare Zeichnung aus dem Jahr 1906, ein sitzender Frauenakt, dokumentiert, dass die Künstlerin sich nicht nur am Anfang ihrer künstlerischen Ausbildung in ungewöhnlicher Weise mit dem Medium befasst hat, sondern dass sich die Auseinandersetzung mit dem Menschenbild durch alle Schaffensphasen hindurchzieht und dabei in wachsender Sicherheit und Freiheit des Strichs unterschiedlichste Gestalt annimmt.

Auch wenn die Präsentation auf eine strenge Chronologie verzichtet, steht doch die Kategorie der Entwicklung im Mittelpunkt. Der Parcours soll zeigen, dass die Künstlerin früh zu ihren ästhetischen Ansprüchen gefunden und ihre Ziele konsequent verfolgt hat. Mit größtmöglicher Einfachheit der darstellerischen Mittel das Wesen des Menschlichen zu ergründen, lautete ihr Credo. Mit häufig grober Konturierung und flächigem Bildaufbau schafft sie Porträt und Typenzeichnung in einem. Verschweißt mit der Landschaft treten die Figuren als Repräsentanten einer Region oder Bevölkerungsgruppe auf. Zugleich spiegeln sich in ihnen Werden und Vergehen als Kreislauf der Natur, schlagen sich in Haltung und Ausdruck der Figuren Erwartung und Erfüllung, Hoffnung und Wirklichkeit als Pendelschläge des Lebens nieder. Kinder stellt die Künstlerin mit der gleichen Intensität dar wie Alte, das Leben im Aufbruch und am Ende findet ihr besonderes Interesse. Einen Trauerzug lässt sie kompositorisch in flächig aufgestellte Erde ein, der Horizont ist hoch über den Köpfen der Beerdigungsgäste angesiedelt.

Wenn die Hängung im Paula Modersohn-Becker-Museum auch hin und wieder springt, nicht wirklich ihre Dramaturgie offenbart und streckenweise zu dicht ausgefallen ist, trifft der Besucher doch immer wieder auf anregende Korrespondenzen und viele großartige Einzelwerke. Landschaften sind vergleichsweise wenige zu finden, was dem Rang des Motivs im Werk der Künstlerin durchaus entspricht. Die zu sehen sind, dokumentieren ebenso wie die Stillleben den Innovationsehrgeiz der Malerin, die nicht nur den Impressionisten oder einem Matisse folgte, sondern in ihrer kubistischen Bildanlage durchaus parallel zu manchen Großen ihrer Zeit arbeitete. Das Bildnis Lee Hoetger ist ein Beleg für eine solche avancierte Flächenspannung. Als Bestätigung ihres Strebens nach größtmöglicher Einfachheit dürfte Paula Modersohn-Becker die ägyptischen Mumienporträts im Louvre wahrgenommen haben. Deren magische Unmittelbarkeit findet sich gepaart mit Stofflichkeit des Farbauftrags in vielen späten Porträts der Künstlerin.

Im Fokus der Schau, gewissermaßen als Kulminationspunkt der künstlerischen Entwicklung PMBs, steht das „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, als erster Selbstakt einer Frau eine Inkunabel der Kunstgeschichte. Die Kulisse ist eher schlicht, die Attribute und Chiffren liegen offen. Der Blick der Künstlerin ist direkt, Augen und Lächeln sind fest. Die Künstlerin weiß, wo sie steht, sie genießt und schützt ihre Fruchtbarkeit, sie stellt sich ihrem Mann und dem Kunstpublikum, ungeschützt, mutig und zuversichtlich. Wer einen gewissen Spott aus der Lippenstellung liest, liegt vermutlich nicht ganz falsch: Dass die Kunstwelt mit ihren Bildern zu ihren Lebzeiten nichts anzufangen wusste, war gewiss nicht ihre Schuld.

(bis 19. September 2010, Katalog, Hirmer Verlag, 19,90 Euro)

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