„Wer wurde hier ermordet?“

Arie Hartog über das Bremer Denkmal für die Opfer der Pogromnacht von 1938

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Schlicht und zeitlos: Das Pogrom-Mal im Bremer Schnoor.

Bremen - Von Radek Krolczyk. In unserer Interview-Reihe über Bremer Denkmäler spricht Arie Hartog, der Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, heute über das Denkmal des Bildhauers Hans Voss für die Opfer der Pogromnacht 1938 in der Dechanatstraße.

Herr Hartog, warum steht das Denkmal in einer unsichtbaren Gasse hinter der Hauptpost an der Domsheide?

Arie Hartog: Das hat mit dem Standort der alten Synagoge zu tun, die sich dort um die Ecke, in der heutigen Kolpingstraße, befand. Sie wurde bei den Novemberpogromen niedergebrannt. Die Toten, derer mit dem Mal gedacht wird, sind aber nicht alle dort ermordet worden.

Wie kam es zu dem Denkmal?

Hartog: Eine Gruppe Bremer Bürger war der Ansicht, dass es nötig ist, an die sogenannte Reichskristallnacht in Bremen zu erinnern. Ende der 70er-Jahre kommt ein bestimmtes historisches Bewusstsein auf. Man gründet zunächst einen Verein, sucht das Gespräch mit der Politik, die ist mit dem Vorhaben einverstanden – nicht zuletzt, weil es die Stadt nichts kostet. Der Verein trägt das Projekt alleine und schreibt einen Wettbewerb aus. Es wurden damals acht Künstler aus Bremen eingeladen, einen Entwurf einzureichen, darunter Bernd Altenstein und Waldemar Otto, die aus der figürlichen Ecke kamen, und eben Hans Voss als Abstrakter, der die Ausschreibung gewann.

Wer war der Künstler?

Hartog: Hans Voss war eine sehr interessante Gestalt der Bremer Kunstszene der 60er- und 70er-Jahre. Er kam eigentlich aus Bielefeld, wo er 1926 geboren wurde. Im Schnoor betrieb er eine kleine Galerie für Druckgrafik. Er selbst malte informell und machte Collagen. Gemeinsam mit dem Bremer Künstler Wolfgang Hainke hatte er ein kleines Büchlein über Siebdruck gemacht, ein absoluter Hit des DuMont Verlags in den 70er-Jahren.

Wie konnte Voss sich gegen Stars der Bildhauerszene durchsetzen?

Hartog: Das Denkmal sollte schlicht und zeitlos sein, das stand auch in der Ausschreibung. Voss’ Entwurf war vollkommen abstrakt. Er sah eine architektonische Schichtung dunkler Granitblöcke vor. Waldemar Otto hatte gegen die Vorgabe in der Ausschreibung protestiert. Er sagte, ein solches Denkmal könne nicht zeitlos sein, es müsse wehtun. Selbstverständlich konnte er so nicht gewinnen.

Wie sah sein Entwurf aus?

Hartog: Ottos Vorschlag sah eine stürzende Gestalt vor, die einer Wand aus Angreifern gegenüber positioniert ist. Eine freistehende Figur auf der einen und einen Reliefblock auf der anderen Seite. In veränderter Form wurde es 1986 in Bremerhaven in Gedenken an alle Opfer des Faschismus aufgestellt. In Ottos Entwurf wurden Opfer und Täter benannt, was man hier auch unbedingt tun sollte.

Unterstützt die abstrakte Gestalt die Unsichtbarkeit des Mals?

Hartog: Sicherlich. Das ist auch dem Zeitgeist geschuldet. In den 80er-Jahren ist man auf der Suche nach sehr allgemeinen, zeitlosen Zeichen. Das ist falsch, denn ein Denkmal ist nie zeitlos, sondern in höchstem Maße historisch. Aus ganz bestimmten Gründen wird an einem ganz bestimmten Ort gebaut, und aus ebenso bestimmten Gründen wird so ein Mal genutzt oder eben nicht. Es gibt natürlich noch die Inschrift: „Unsere jüdischen Mitbürger wurden in dieser Stadt in der Nacht vom 9. zum 10.11. ermordet.“ Dort sind die Namen der Opfer aufgeführt. Aber von wem wurden sie ermordet und warum? Der politische und ideologische Zusammenhang verschwindet. Die Pogromnacht ist ja nur ein Teil einer viel größeren, mörderischen Geschichte. Diese Art der Offenheit der Form ist für eine Auseinandersetzung nicht gerade förderlich. Man hatte darauf vertraut, dass sich das Mal aus der Verbindung der Namen der fünf Todesopfer und dem Datum der überall in Deutschland auftretenden antisemitischen Ausschreitungen von selbst erklärt. Dass das funktioniert, möchte ich bezweifeln.

Funktionieren andere Pogromdenkmäler in Deutschland auf eine ähnliche Art?

Hartog: Direkt nach 1945 gab es Denkmäler für alle Opfer oder aber sehr präzise Gedenkorte nach dem Motto: „Das ist hier passiert.“ Die Idee des Denkmals für alle Opfer verschwindet in den 60er-Jahren, was einerseits mit historischer Aufarbeitung, andererseits mit dem Selbstbewusstsein der ehemaligen Opfergruppen zu tun hat. Daneben gibt es eine Bewegung hin zur abstrakten Form. Die abstrakte Form ist allgemein, das Gedenken wird aber immer präziser, daraus entsteht ein Widerspruch. Sobald historisches Wissen verschwindet, wird aus diesem Widerspruch eine Leere. Zudem gibt es in der jüdischen Kultur deutliche Vorbehalte gegen figürliche Darstellungen. Für das Bremer Pogrom-Mal spielte das aber keine Rolle, da die jüdische Gemeinde meines Wissens in den Prozess nicht involviert war.

War die Nivellierung der Unterschiede zwischen Täter und Opfer gewollt?

Hartog: Das denke ich nicht. Aber dieser Prozess setzt hier dennoch ein.

Gab es eine Zeit, in der das Mal präsenter war?

Hartog: Eine gute Frage. Zu Voss‘ Entwurf gehörte eine Bank, die den Platz vor dem Mal zu einem Ort des Innehaltens und Nachdenkens machen sollte. Die wurde einfach weggelassen. Voss verstarb zur Zeit der Errichtung seines Mahnmals 1980. Von bestimmten Personen wird das Mal aber wohl genutzt. Zu Jahrestagen sieht man dort Kränze, manchmal legen Leute zum Gedenken Steine oben drauf. Gerade ist ein Graffito dran, wahrscheinlich dauert es nicht lange, bis man es entfernt. Die Kulturbehörde hat das im Blick. Das ist gut und wichtig.

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