Abwechslungsreiche Tanzsprache: „3 Generationen“ in Hannover

Wenn Körper qualmen

„Rise“ ist eine Uraufführung mit theatralen Elementen.

Hannover - Von Jörg Worat. Ein paar Leute gingen in der ersten Pause, ein paar in der zweiten, und am Schluss war großer Jubel – wer daraus den Schluss zieht, dass Hannovers neuer Ballettdirektor Marco Goecke a) polarisiert und b) sein Fan-Publikum zu finden beginnt, dürfte einigermaßen richtig liegen. Jedenfalls propagiert Goecke nicht nur eine einzige Tanzsprache: Mangelnde Abwechslung kann man dem neuen Abend „3 Generationen“ im Opernhaus sicherlich kaum vorwerfen.

Der seinen Namen völlig zu Recht trägt, wobei der Jüngste mit einer Uraufführung den Anfang macht: Emrecan Tanis hat seine Choreographie „Rise“ stark mit theatralen Elementen angereichert. Zu einem abenteuerlichen Musikmix zwischen türkischem Pop und Philip Glass gibt es viel Augenfutter – Lichteffekte scheinen die Bühne in ein überdimensionales Videospiel zu verwandeln, aus Wänden schießen plötzlich Treppenstufen, ein Körper beginnt zu qualmen. Es ist der von Tänzer Maurus Gauthier, der hier die Hauptfigur gibt, nämlich den großen Verführer. Eher im emotionalen als im sexuellen Sinn und in gebrochener Form: Charisma ja, Vertrauenswürdigkeit nein, erinnert Gauthiers Ausstrahlung doch zuweilen an diejenige des „Jokers“. Interessante Konstellationen, die zwischen Zärtlichkeit, Dominanz und Unterwerfung pendeln, enthält das Stück ebenso wie einigen Leerlauf.

Ganz anders kommt Hans van Manens „Concertante“ daher, bereits 1994 uraufgeführt. Der Altmeister der Moderne arrangiert hier in recht strenger Abstraktion das ewige Thema von Anziehung und Abstoßung zwischen Mann und Frau. Das gefällt natürlich nicht allen, rückt aber zwei Vorzüge der hannoverschen Compagnie ins Rampenlicht: Hochmusikalisch wird hier jedes Detail aus Frank Martins „Petite Symphonie Concertante“ aufgegriffen, und das Oktett weiß um die richtige Dosierung von Humor – die Bewegungsmuster sind zuweilen durchaus ein wenig gockel- beziehungsweise zickenhaft, kippen hier aber nie in plumpe Parodie um.

Auch Goecke selbst präsentiert eine Uraufführung, und „Kiss a Crow“ wird zum fragwürdigsten Beitrag des Abends. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass der Choreograph gern Musik seiner Jugend einbringt, und es gibt eine ganze Menge Leute, für die Kate Bush eine besondere Bedeutung hatte oder noch hat. Wer aber ihre sehr speziellen Stücke vertanzen will, sollte auch die zugrunde liegende Charakteristik bedienen, und das findet kaum statt.

Es geht schon damit los, dass der Sound – zumindest im ersten Rang, wo er aber eigentlich besonders gut sein sollte – matschig herüberkommt, was der in Sachen Produktion überaus pingeligen Sängerin nicht gerecht wird. Und Goeckes hypernervöse Tanzsprache passt höchstens am Anfang, wenn seine Tänzer zu „Jig of Life“ zwischendurch wie mutierte Charlie Chaplins agieren. Doch darüber hinaus sind Kate Bushs Stücke in all ihrem funkelnden Facettenreichtum sorgsam ausbalancierte Einheiten und haben in Goeckes Universum der Zerrissenen, ewig Suchenden keinen rechten Platz. Daran können auch einige ruhigere Tanz-Passagen nichts ändern, zumal die Compagnie punktuell ihrerseits vokale Beiträge abliefern muss, was der Atmosphäre dann den endgültigen Garaus bereitet.

Wer bejubelt wird, hat Recht? Darüber kann man streiten. Und sollte es tun.

Sehen

Weitere Termine sind am 4., 5. und 13. März, jeweils um 19.30 Uhr, Opernhaus Hannover.

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