Wenn nur drei Szenen funktionieren

Staatsschauspiel Hannover zeigt „Es war einmal ... das Leben“

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Immerhin schöne Bilder - das ist aber auch schon fast alles, was in Hannover überzeugt.

Hannover - Von Jörg Worat. Die Abschieds-Saison des hannoverschen Schauspiel-Intendanten Lars-Ole Walburg gestaltet sich eigenartig. In den kleineren Spielstätten gibt es nach wie vor schöne, teils exquisite Inszenierungen zu sehen, auf der großen Schauspielhaus-Bühne jedoch scheinen immer mehr die Kriterien laut, Live-Videos, lang und langweilig zu dominieren. Durchaus in veränderlichen Anteilen - die neueste Produktion „Es war einmal … das Leben“ bedient allerdings alle vier Punkte ausgiebig.

Die Urheberschaft wird mit den Worten „von Marcin Cecko, inspiriert durch die Zeichentrickserie von Albert Barillé“ beschrieben, doch abgesehen davon, dass Teile der Handlung einen Blick ins Körperinnere transportieren sollen, hat das Geschehen herzlich wenig mit der besagten Kultserie zu tun. Deren etwas naiver Charme bleibt hier fast völlig auf der Strecke. Ein Mann hat einen Autounfall erlitten, bei der Untersuchung wird zusätzlich ein Hirntumor diagnostiziert. Um diese Situation strickt der polnische Regisseur Lukasz Twarkowski ein gewaltiges Treiben, das sich in verschiedene Ebenen aufteilt und immer wieder um Nutzen und Grenzen der Genetik kreist. Zudem spielt eine komplizierte Familienkonstellation - der Sohn des Verunglückten mag dabei vage an Carsten Maschmeyer erinnern - eine Rolle.

Genau drei Szenen funktionieren an diesem Abend. Es gibt eine putzige Passage, in der eine Darstellerin lautmalerisch das Treiben von Körperzellen synchronisieren soll. Eine Talkshow-Episode zum Thema Forschung und Moral kommt zumindest auf den Punkt. Und die atmosphärische Video-Sequenz vom Auto-Inneren bei der Unglücksfahrt bleibt tatsächlich im Gedächtnis haften.

Weniger wäre sicher mehr gewesen.

Ansonsten gerät die Dramaturgie völlig aus den Fugen. Vielleicht hätte der im Eingangsmonolog genannte Satz „Verstehen verlangt ständige Wiederholung“ eine Warnung sein sollen: Vier Stunden lang dehnt sich das zunehmend verquaste Geschehen, das man mit etwas gutem Willen viel wirkungsvoller auf weniger als die Hälfte hätte eindampfen können. Über weite Strecken dröhnt dazu eine brüllend laute Techno-Musik, und Twarkowskis Film-Begeisterung schlägt Blasen: Vor allem nach der Pause wird aus dem Abend, der nun offenbar die Visionen eines Sterbenden zeigen soll, ein Live-Video-Trip mit Dauerbeschallung, sodass offen bleibt, warum man das Ganze überhaupt noch „Theater“ nennen soll.

Immerhin lügt das Produktionsteam nicht: „Wir wollten“, lässt Regisseur Twarkowski im Programmheft wissen, „diese innere Unruhe, die bei uns entstanden ist, auf das Publikum übertragen. Man identifiziert sich nicht mehr mit einer Person, sondern ist mit sich selbst beschäftigt.“ Ein Ansatz, der die Sinnfrage berechtigt erscheinen lässt, wenngleich er sich einlöst: Bei etlichen Besuchern führt die Selbstanalyse zur Flucht in der Pause, andere benehmen sich zunehmend seltsam, vor allem im ersten Rang, wo hier jemand wie wild im Sitz zu zappeln beginnt, dort einer die Beine über das Geländer hängen lässt.

Zweifellos ist das Bühnengeschehen vom Technischen her höchst beeindruckend, und die Darsteller ziehen voll mit - vor allem Wolf Bachofner, äußerst kurzfristig für den erkrankten Dieter Hufschmidt eingesprungen, verdient Anerkennung. Aber wenn im Probenverlauf gar niemand auf solche Grundtugenden wie Balance oder Timing achtet, ist letztlich alles für die Katz.

Zum Angucken

13. und 22. März. 19.30 Uhr, sowie am 9. und 27. April, 19 Uhr, Staatsschauspiel.

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