Wenn von Bach nur noch das reine Geräusch bleibt: Michael Wollny spielt in der Bremer Glocke

Von Hexentänzen und Nachtfahrten

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Michael Wollny

Bremen - Von Wolfgang Denker. Lange Zeit war Till Brönner die Galionsfigur der deutschen Jazz-Szene. In den vergangenen Jahren hat er aber ernsthafte Konkurrenz bekommen: Der 37-jährige Pianist Michael Wollny hat sich vom Geheimtipp zur festen Jazz-Größe gemausert und schon jede Menge Preise abgeräumt, darunter den Echo als Instrumentalist des Jahres. - Von Wolfgang Denker.

Während seines knapp zweistündigen Konzerts in der Bremer Glocke präsentiert er zusammen mit Eric Schaefer (Schlagzeug) und Christian Weber (Bass) überwiegend Repertoire aus seinen Alben „Nachtfahrten“ und „Weltentraum“. Das Album „Nachtfahrten“ bewegt sich in einer Welt der schwarzen Romantik, der dunklen, nächtlichen Abgründe – eine Musik, bei der depressive Gedanken ihren Platz finden könnten. Solche Klänge gibt es durchaus auch im Bremer Konzert, aber hier ertönt die Stücke mit unglaublich kraftvoller Vitalität.

Gleich zu Beginn zeigt sich Wollny mit einer Kombination der Titel „Engel“ und „Hexentanz“ von einer hochvirtuosen Seite, atemberaubend im Tempo und kreativ im Erzeugen immer neuer Klänge. Man konnte fast fürchten, dass er damit schon sein Pulver verschossen hat – Aber der Abend begeistert mit immer neuen Steigerungen.

Bei „Arsene somnambule“ kommt Schlagzeuger Eric Schaefer ins Spiel, der das Stück fast zu einem Schlagzeug-Solo umfunktioniert, aber dabei doch auf einen feinen Dialog mit dem Pianisten eingeht. Der Dritte im Bunde ist der Bassist Christian Weber. Wie er zu dem Trio stieß, ist eine Geschichte für sich: Wollny und Schaefer wähnten sich in Allensbach zu einem Duo-Konzert eingeladen, angekündigt war aber ein Trio. Also brauchte man einen Bassisten. Tim Lefebvre stand nicht zur Verfügung und so kam Christian Weber hinzu. Sie haben nur eine Stunde geprobt und dann das Konzert gegeben. Eine Anekdote, die noch einmal die Spontaneität und das Improvisationsvermögen von Jazz-Musikern unterstreicht.

Davon ist auch im Bremer Konzert viel zu spüren. Die Bandbreite des Ausdrucks ist frappierend, von Free Jazz bis zur Klassiknähe. Überhaupt die Klassik: Wollny hat in vielen seiner Stücke klassische Themen adaptiert, etwa von Mahler, Berg oder de Machaut. „Questions in a world of blue“ ist der erste als Trio gespielte Titel und kommt zunächst wie ein ruhiges, in purer Schönheit zelebriertes Stück von Bach daher, um dann vom Trio (bis zum reinen Geräusch) total „zerpflückt“ zu werden, bevor es wieder ruhig und glasklar ausklingt.

Auch „Nachtmahr“ ist so ein Stück, bei dem das Klavier mit ruhigem Fluss für eine entspannte Grundstimmung sorgt. Irgendwann macht Wollny keine Ansagen mehr; das Trio spielt ohne Unterbrechung in eins durch. Die Übergänge sind so geschickt gesetzt, dass man manchmal nur ahnen kann, ob man sich schon im nächsten Stück befindet. Was das Trio dabei an vitaler Energie freilegt, an mitreißendem Drive entwickelt und an furiosen Improvisationen einflicht, ist wie ein entfesselter Rausch.

Das Schlagzeug von Eric Schaefer etwa scheint kurz vor der Explosion zu stehen. Das ruhige „Nachtfahrten“ ist das Ende des offiziellen Programms. Doch zwei lange Zugaben und der Schluss mit einem melancholisch-poetischen Nocturne, das auch von Chopin hätte sein können, manifestierten noch einmal die Fähigkeiten der Musiker. Begeisterter Beifall.

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