Wenn der Alltag zerbricht

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Erika (Anna Schudt, M.) begleitet ihre Schwester Charlotte (Alwara Höfels, r.) und deren Freundinnen zu einer Demonstration gegen den Paragrafen 218. - Foto: Martin Rottenkolber
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Erika (Anna Schudt, M.) begleitet ihre Schwester Charlotte (Alwara Höfels, r.) und deren Freundinnen zu einer Demonstration gegen den Paragrafen 218.

Syke/Hamburg - Von Katia Backhaus. Das Wort Abtreibung hat etwas Verhuschtes: etwas wegtreiben, wegscheuchen. Am besten so, dass es keiner mitkriegt: Ist nochmal gut gegangen, ich komm‘ schon klar. Abtreibung ist ein Thema, über das man nicht gern spricht. Auch im Jahr 2018.

Wie sehr die Debatte darüber noch im vergangenen Jahrhundert verwurzelt ist, zeigt der Fall Kristina Hänel. Die Göttinger Frauenärztin wurde jüngst verurteilt, weil sie auf ihrer Internetseite anbietet, Informationen über Abtreibungen per Mail zu verschicken. Paragraf 219a, nach dem Hänel verurteilt worden ist, ist von 1976 – und geht zurück auf ein Gesetz von 1933. Das Strafmaß – bis zu zwei Jahre Haft oder eine Geldzahlung – ist seit damals unverändert.

Unverändert ist auch die in Paragraf 218 festgeschriebene Tatsache, dass eine Abtreibung illegal ist. Zwar gilt seit 1976 sowohl für die betroffene Patientin als auch für den behandelnden Arzt unter bestimmten Bedingungen Straffreiheit, doch der Beigeschmack bleibt: Abzutreiben bedeutet, sich in eine rechtliche – und gesellschaftliche – Grauzone zu begeben.

Nun hat der „Stern“ anlässlich seines 70-jährigen Geburtstags in Kooperation mit dem ZDF den Film „Aufbruch in die Freiheit“ produziert, der an die „Stern“-Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben“ vom 6. Juni 1971 erinnern soll. 374 Frauen machten damals öffentlich, dass sie – illegal – abgetrieben hatten. Der Film erzählt eine fiktive Geschichte aus jener Zeit: Die brave Metzgersfrau Erika Gerlach (Anna Schudt) lebt mit Mann Kurt und den drei Kindern auf dem Land und ist schwanger. Sie fährt für eine Abtreibung in die Großstadt und überschreitet damit die engen Grenzen des bürgerlichen Familienlebens der 70er-Jahre.

Abtreibung führt zur Ehekrise

Der Film fokussiert darauf, wie Erikas Alltag nach dem Eingriff zerbricht, die Abtreibung zur Ehekrise wird und sie sich mit ihrer Schwester Charlie auseinandersetzt, die gegen das Abtreibungsverbot des Paragrafen 218 kämpft. Ein guter Ansatz: Der Film ist nicht überfrachtet, sondern bleibt bei der alltäglichen Erzählung. So ist genug Raum für Antworten auf die Frage, wie in den 70er-Jahren die Reaktionen auf eine Abtreibung waren, die nicht geheim bleibt.

Ein Signal dieses Films könnte sein: Traut euch, wiederholt das „Wir haben abgetrieben!“ – sei es per Hashtag wie bei #Metoo oder privat. Er ließe sich aber auch so verstehen: Seht her, so war es vor 40 oder 50 Jahren, als man noch darum kämpfen musste, dass ein Mädchen zum Gymnasium gehen darf, als es sonntags noch Braten gab und keine Vergewaltigung in der Ehe – das ist doch lange her. Wo steht unsere Gesellschaft, wenn es um Abtreibungen geht? Wie steht sie zu den rund 25 000 Frauen, die laut Statistischem Bundesamt zwischen April und Juni 2018 abgetrieben haben? Fragt da jemand: „Hast du Unsinn gemacht, Mädchen?“, wie es ein Taxifahrer im Film tut? Verschließt der Ehemann die Augen und spricht von „Frauensachen“, wie Kurt Gerlach? Vielleicht nicht.

Abtreibung wird erschwert

Aber: Ärzte wie Hänel dürfen nicht frei über Schwangerschaftsabbrüche informieren, der Papst vergleicht Abtreibungen mit „Auftragsmord“, und im Bundestag stellen sich CDU und CSU gegen die Aufhebung des Paragrafen 219a.

Das ARD-Magazin „Kontraste“ berichtet, bundesweit sei die Zahl der Praxen und Kliniken, die Abtreibungen durchführen, seit 2003 von rund 2 000 auf heute 1 200 gesunken. Ärzte können selbst entscheiden, ob sie den Eingriff mit ihrem Gewissen vereinbaren können. „Niemand ist verpflichtet, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken“, heißt es im Schwangerschaftskonfliktgesetz, Paragraf 12.

Und was bedeutet das? Frauen müssen potenziell (wieder) weitere Strecken fahren, um eine Abtreibung durchführen zu lassen. Sie müssen hoffen, einen Arzt zu finden, der sich bereit erklärt, ihnen zu helfen. Vielleicht ist es nicht schlecht, dass „Aufbruch in die Freiheit“ als „Fernsehfilm der Woche“ angekündigt ist.

„Aufbruch in die Freiheit“ läuft am Montag, 29. Oktober, um 20.15 Uhr im ZDF (online auch in der Mediathek).

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