Malerei als Erkundung des eigenen Blicks: Peter-Jörg Splettstößer in der Städtischen Galerie Bremen

Weniger ist mehr

Peter-Jörg Splettstößer: Fensterbild (Worpswede), 2007

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Der Künstler begrüßt den Besucher per Video. Großformatig erinnert eine Projektion im Untergeschoss der Städtischen Galerie Bremen an denkwürdige Auftritte von Peter-Jörg Splettstößer. „Surfbretter Wattwürmer“ heißt die dokumentierte Performance.

In mehreren Fassungen hat der in Worpswede lebende Künstler darin den Grundrhythmus des von ihm geschätzten Cuxhavener Strandes umkreist: „Surfbretter Wattwürmer“ heißt das Werk, damit wäre das visuelle Angebot der Küste von Flut bis Ebbe eigentlich auch schon geklärt. In solch fundamentale Polarität streut Splettstößer in furiosen Wortkaskaden Reflexionen über Zeitgenossenschaft und auch Biografisches. Serialität und Variationen auf überschaubarem Fundament – wenn auch Sprachvortrag und Filmdokument medial aus dem Schaffen des Künstlers herausfallen, leiten sie doch strukturell bestens in die Ausstellung ein.

„Unterwegs. 1998 – 2010“ lautet der passende Titel der sehenswerten Schau. Zu Erträgen aus zahlreichen Atelieraufenthalten in Paris, Amsterdam, Berlin und Rom führt der abwechslungsreiche Parcours am Buntentorsteinweg. Verschiedene Werkgruppen mit Papierarbeiten, Malerei, Bildobjekten und Objekten spiegeln die Wanderbewegungen des Künstlers zwischen Techniken und Gattungen wider. Gemeinsam ist ihnen das intensive Erkunden von Motiven und künstlerischen Fragestellungen mit langem Atem und genauem Blick. Die in ihren vielfältigen Korrespondenzen spannende und anregende Präsentation nimmt den Besucher mit auf die Reise zur Steigerung der Wahrnehmung. Wie man diesen Mehrwert erzielt? Man reduziert den Input und gibt Bildern und Objekten Basis und Raum, ihre Energie zu entfalten.

Je mehr man ausblendet, desto intensiver sieht man: In seinen „Fensterbildern“ dokumentiert Splettstößer den Ertrag der Blickverengung in Feldanordnungen. Zonen eines Gitters vor dem Atelierfenster überträgt der Künstler Zone für Zone auf die Leinwand. Querverbindungen werden bewusst ausgeblendet, alle Aufmerksamkeit ist dem Ausschnitt gewidmet. Die Zeit hält durch Veränderungen im Stadtraum und durch Wechsel des Lichts Einzug in den Bildraum.

Diesem Rasteraufbau vor ausgegangen sind Blätter mit schmalen Spalten, neben denen die eingeengten Blickfunde festgehalten sind. Stehen sich hier Wirklichkeit und spontane Niederschrift der Wahrnehmung gegenüber, treffen in anderen Arbeiten unterschiedliche Maßverhältnisse und Sehweisen aufeinander: Formalisiertes und Gefühltes, Gegenständliches und Gestisches. „Freies Spiel“ sucht man vergebens. Jeder Improvisation liegen Motive, Skalen, Harmonien und Rhythmen zugrunde. Jedes Bild ist bei Splettstößer gesehene Wirklichkeit und durch Gestaltung gesteigerte Wahrnehmung. Dabei beruft er sich auf Giacometti: „Kunst (ist) ein notwendiges Mittel, um mir darüber klar zu werden, was ich sehe“.

Rund zehn Jahre hat sich Splettstößer an verschiedenen Orten mit seiner Werkgruppe „Fragmente“ befasst. Den Ausgangspunkt bildete ein Poster von Michelangelos „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle. Malerische Pendants von Ausschnitten der Reproduktion finden sich nun auf Leinwänden, Bildobjekten und Stelen. Nicht die Bild-Erzählung und die Komposition, sondern die Energien von Farbe, malerischem Gestus und Bildträger sind hier das Thema. Vergleichend kann der Betrachter die Wirkungen unterschiedlicher Maße in der Tiefe und Höhe, in den Flächen und Volumina ausmessen und dringt damit immer tiefer in die Motive ein. Nicht nur auf der Wand, durch den gesamten Hallenraum sind Korrespondenzen in unterschiedlichen Draufsichten und an mehreren Blickachsen gespannt.

In Vielecken am Umschlagpunkt zum Kreis hat Splettstößer ebenso plastische Wirkung wie Eigenbewegung und Binnenstabilität von Flächen untersucht. Tänzerische Bewegungen hält er in Zeichnungen fest, die weniger den Körper selbst als dessen Energie und Spuren im Raum gestisch und im reduzierten Farbspektrum protokollieren. In „Stempelarbeiten“ kommen Kinderstempel zum Einsatz und hinterlassen in der Malfläche direkte Andeutungen von reduzierter, übersetzter Gegenständlichkeit. In jüngeren Arbeiten überlagern sich verschiedene Sprachen. In Raster, Fragment und Bewegungsskizze, in gestischen Kürzeln, Freilegungen und Pendelbewegungen zwischen Gegenstand und Geste ist der Betrachter auf einem Bild unterwegs zu den Segnungen der Fokussierung.

Die Ausstellung wird morgen um 19 Uhr eröffnet und ist bis 3. Oktober zu sehen. Katalog Hachmannedition.

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