Mit ein wenig Idee wäre einiges möglich gewesen: „Amerika“ in Oldenburg

Maßlos nur im Banalen

Nur im Kleinen gelingt Martin Laberenz‘ Inszenierung in der Exerzierhalle in Oldenburg.
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Nur im Kleinen gelingt Martin Laberenz‘ Inszenierung in der Exerzierhalle in Oldenburg.

Oldenburg - Von Rolf Stein. Amerika, du altes Sorgenkind: Immer enttäuschst du den, der zu viel von dir erwartet. Und wirst dabei als Projektionsfläche von so vielen Seiten angestrahlt, dass einem ganz schummrig werden kann. Vor einigen Jahren schon ging Johan Kresnik damit – nämlich mit „Amerika“ nach Kafka – in den Gleishallen des Güterbahnhofs baden und beschädigte dabei gleich noch einige Proberäume. Weniger zumindest materieller Schaden fiel am Sonntagabend bei Martin Laberenz an, als er sich Kafkas Romanfragment näherte.

Mit Marc-Oliver Krampe hat er eigens für das Oldenburger Staatstheater eine Bühnenfassung geschrieben, die er mit einem vierköpfigen Ensemble auf die Bühne bringt. Laberenz inszeniert „mit kompromissloser Regiehandschrift und schamlosem Humor Gesten radikalen Lebens für ein maßloses Theater“, wie die Ankündigung vollmundig verheißt.

Die bei so einer Romanbearbeitung üblichen Spielereien, mal szenisch, mal erzählerisch, wobei die Figuren durch‘s Ensemble gereicht werden, tragen uns durch eine locker arrangierte Fassung der Erlebnisse des Karl Roßmann. Dieser wird nach der Züge einer Vergewaltigung tragenden Verführung durch eine ältere Bedienstete von seinen Eltern nach Amerika verschickt: Dort hat er zufälligerweise einen Onkel, der ihn aber ebenfalls verstößt. Was den jungen Karl einer recht ungemütlichen Gesellschaft ausgesetzt und in immer weitere Bredouillen bringt.

Das ist an Stringenz schon alles, was uns Laberenz gönnt. Stattdessen lässt er sein Ensemble sich in allerlei Episoden und Episödchen ergehen, was, zugegeben, immer wieder Funken schlägt, teils von hinreißender Komik und Präzision ist, teils von einer Körperteilzeigefreude, die heute aus eher guten Gründen längst aus der Mode gekommen ist.

Dabei gelingt im Kleinen nicht wenig: Maximilan Pekrul gleitet als redlicher Heizer in ein wunderbares Ansager-Holland-Deutsch hinein und wieder hinaus, Lisa Jopt darf die beklemmende Geschichte einer selbstmordenden Mutter erzählen oder, ganz anders, als marktschreierische Ansagerin nach der Pause das deutlich dezimierte Publikum im State Theatre von Oklahama (so heißt das bei Kafka) begrüßen. Caroline Nagel brilliert als überspannte Diva und so weiter. Wobei nichts davon im Größeren notwendig erscheint oder einer ersichtlichen inneren Logik folgt, außer der vielleicht, die sprichwörtliche Sau raus zu lassen. Was zu wenig ist für deutlich mehr als drei Stunden Theater. Und ohne das wirklich tolle Ensemble, zu dem auch noch Johannes Lange zählt, wäre das noch viel weniger als es ohnehin schon ist. Die toben sich in dem aus den Fugen geratenen Abend nach Herzenslust aus, und man ahnt, was mit diesen Vieren mit ein wenig Idee anzustellen gewesen wäre.

Kurz: Kompromisslos? Gewiss. Schamlos? Mag sein. Radikales Leben? Eher weniger. Maßloses Theater? Maßlos höchstens in seiner Banalität, dem Desinteresse an dem, was Kafka interessiert haben könnte oder vielleicht ja auch genau nicht.

Weitere Vorstellungen: 20. und 27. Februar, 19 Uhr, Exerzierhalle Oldenburg.

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