Act local: In der Bremer Stauerei ist das romantische Globalisierungstück „Container Love“ zu sehen

Weltwirtschaft in einer Stahlblechschachtel

Warenverschiffung im Container: In der Bremer Stauerei lässt sich die Weltwirtschaft in die Karten blicken.

Von Tim SchomackerBREMEN (Eig. Ber.) · Zack, wieder hunderttausend Arbeitslose weniger.

Timing ist manchmal nicht leicht, wenn man einigermaßen frei Theater machen will: Zwischen der Idee und der Produktion lagen bei „Container Love“ ziemlich genau die Zeit, die es dauert vom Peak einer Wirtschaftskrise bis zur scheinbaren Erholung. „Als wir das Stück zu entwickeln begannen“, erzählt Katrin Bretschneider, „standen überall Container leer herum. Jetzt, wo es herauskommt, herrscht Containerknappheit.“ Die normierte Stahlblechschachtel, zu der Bretschneider und ihre beiden spielenden und konzipierenden Kollegen Christoph Glaubacker und Noah Holtwiesche einen Abend lang Du sagen, ist ein veritabler Indikator: voll oder leer; statisch oder in Bewegung.

Auf einer dreistufigen Mischung aus Laufsteg und Banketttisch erzählt das Trio von der Verschiebung und Verschiffung von Waren rund um den Globus. Jene andere, nicht materielle Hälfte von Weltwirtschaft – Geld, Wissen, Dienstleistung – wird dabei selten be nannt. Was dem sanften, beinahe freundlichen Grundprinzip dieser Performance entspricht: Die Zuschauenden werden hier mit Fragen, Bildern und Informationen nicht gefüttert. Klappt’s, sind sie aktiv dabei.

Ein Beispiel: In der Mitte des mittleren Podestes leuchtet eine Lampe. Von diesem Nullpunkt ausgehend, in dem sich Längen- und Breitengrad schneiden, denkt sich „Container Love“ über alle sieben Weltmeere, hin zu diversen „Irgendwo“. Wo gerade wer am Bankautomat kein Geld bekommt, wo jemand melancholisch aus dem Zugfenster blickt, wo jemand im Akkord weiße Herrenhemden näht. „Wir haben mit der Bühne angefangen, die hier normalerweise steht“, sagt Holtwiesche, „dann haben wir gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Die Bühne impliziert ein anderswo und -wann.“ Darum ging es in den Raum, darum die Koordinate, die für Akteure und Zuschauer die selbe ist.

Holtwiesche ergänzt eine weitere Abweichung vom Frontaltheater: „Es gab frustrierende Momente, weil sich das Gefahrenpotenzial der Weltwirtschaft eben nicht in personale Konflikte auflösen lässt. Mit klassischem Theater ist das kaum zu bearbeiten.“ Wobei „Container Love“ auch nicht verhehlt, dass zwei Drittel des kleinen Ensembles mit Gießen aus jener Theaterschmiede kommen, die das Diskursive, das Nicht-Dramatische längst zur Parallelkonvention gemacht hat. Das sieht man hier am Videoeinsatz und der gezielt uneindeutigen Figurenkontur genauso wie an trendy Themen wie der Kartographie oder der Wandlung urbaner Räume.

Der Gefahr des Theoriekaraoke begegnen Glaubacker, Bretschneider und Holtwiesche mit einem sehr leisen Grundton. Wenn die beiden Herren rücklings auf dem Laufsteg liegen, während ihre Kollegin Containerbasiswissen ins Mikrophon erzählt, und in den Theaterhimmel seufzen „Oh, das ist groß! Wow, das sind viele!“, machen sie sich als Performer ziemlich nackt und bloß. „Container Love“ folgt einer Logik des Staunens. Auf große Bilder wird verzichtet wie auf Virtuosität. „Es gab schon die Debatte: Fehlt da nicht die globalisierungskritische Dimension? Wir haben uns entschieden, unser Eingewobensein in diese Strukturen mitzuerzählen.“

In ihren guten Momenten ist diese Erzählung geschickt geschichtet mit genauem Blick für die Komposition der Textfragmente. Auch wenn man sich manchmal ein wenig mehr Ecken und Kanten wünscht, überzeugen und überraschen Details: Wenn die Kamera eine Karte der Überseestadt filmt, dazu mit Papierschiffchen und Kartongebäuden die Umwandlungsgeschichte des Areal nachgezeichnet wird und auf der Leinwand Bürgermeister Scherf (Glaubackers Finger) den Investor Hübotter (Bretschneiders Finger) umarmt.

Container Love ist noch bis Sonntag, jeweils um 20 Uhr, in der Stauerei, Cuxhavener Straße 7, in Bremen zu sehen.

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