Guerrilla Girls in der Kestnergesellschaft

Weltoffen? Nur nach außen

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Zwei Guerrilla Girls stehen in der Kestnergesellschaft vor einem Plakat der Bewegung.

Hannover - Von Jörg Worat. „The Art of Behaving Badly“ nennen die Guerrilla Girls ihre Ausstellung in der Kestnergesellschaft: Das schlechte Benehmen wird hier also zur Kunst erklärt.

Durchaus zu Recht, denn diese Schau zeigt provokativ auf, dass der Kunstbetrieb sich selbst zwar gern weltoffen und allseits tolerant darstellt, gleichwohl aber eine ganze Menge Ungerechtigkeiten birgt.

Hinter dem Etikett Guerrilla Girls verbirgt sich eine Gruppe von rund 60 Künstlerinnen, zumeist aus den USA, die grundsätzlich anonym bleiben und in der Öffentlichkeit mit Affenmasken auftreten – zwei von ihnen, nach eigener Benennung „Frida Kahlo“ und „Käthe Kollwitz“, haben in der Kestnergesellschaft bereits eine gut besuchte Performance abgeliefert. Auch mit Videos, Plakaten und Bannern arbeitet das Kollektiv gern.

Ein solches Plakat fragt etwa danach, ob Frauen nackt sein müssen, um Eingang ins weltberühmte Metropolitan Museum of Art zu finden. Die entsprechende Statistik wird gleich mitgeliefert: In der Abteilung für moderne Kunst stammen demnach weniger als fünf Prozent der Werke von Frauen, andererseits seien 85 Prozent der dargestellten Akte weiblich.

Ausstellungen von Frauen Mangelware

In anderem Zusammenhang fallen die Zahlen nicht minder bedenklich aus. Wie viele Einzelausstellungen von Künstlerinnen zeigten vier große New Yorker Museen im Jahr 1985? Genau eine. Dreißig Jahre später hat sich die Summe immerhin auf fünf erhöht. Eine Steigerung ist auch in der Kestnergesellschaft selbst zu beobachten, die sich von den Girls bereitwillig hat unter die Lupe nehmen lassen – die Recherche ergab jedoch auch, dass es hier massiv an Ausstellungen farbiger Kunstschaffender mangelt, gleich welchen Geschlechts. Mutig, dass diese Ergebnisse ebenfalls präsentiert werden, sogar gleich im Foyer.

Das letztgenannte Beispiel zeigt, dass die Gruppe zwar feministische Wurzeln hat, aber sich nicht auf dieses Themengebiet beschränkt, sondern ganz allgemein nach ungleichen Gewichtungen in der Kunstszene sucht. Die Ausstellung wirkt zudem keineswegs verbiestert, sondern hat ihre angenehm frechen und auch humorvollen Seiten: In altertümlichem Englisch präsentieren die Guerrilla Girls beispielsweise so etwas wie ihre eigenen Zehn Gebote, ethische Regeln, die sie für den Kunstbetrieb fordern – die zweite lautet, dass es in einer Ausstellung sichtbar dokumentiert werden müsse, wenn Kurator und Künstler eine sexuelle Beziehung miteinander unterhalten.

Eigensinnige Ausstellung

Auch der andere Teil der Doppelausstellung stammt von weiblicher Hand und ist nicht minder eigensinnig. „Kein Stillleben“ heißt die Retrospektive von Christa Dichgans, obwohl die meisten dieser Werke formal ebensolche sind. Stillleben, die aber gerne aus den Fugen geraten und so unterschiedliche Genres wie Surrealismus und Neue Sachlichkeit zugleich zu bedienen scheinen: Mal ist in bizarrer Manier Spielzeug angehäuft, mal ergießt sich ein unübersehbarer Strom von Gabeln, Radiergummis, Sägen, Handgranaten und zahlreichen weiteren Objekten über die Leinwand. 

Die Ausstellung der 1940 geborenen Künstlerin, die in Berlin und Südfrankreich lebt, zeigt Werke aus 50 Jahren – und wenngleich natürlich eine Entwicklung zu beobachten ist, gibt es interessanterweise auch mancherlei Gemeinsamkeiten zwischen frühen und späten Arbeiten.

Beide Ausstellungen laufen bis zum 8. April.

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