„Das Letzte Kleinod“ erzählt in seinem neuen Stück von Vertreibung

Weltkrieg ist kein Kinderspiel

Im slowakischen Güterwagen wird es auch mal laut. - Foto: m.chojnowska

Hannover - Von Rolf Stein. Von draußen donnert es an die Wände des slowakischen Waggons, in dessen Dunkel wir sitzen. Es ruckelt, dann bewegt sich der Zug stoßweise Meter weiter. Außer, dass es nach Kaliningrad gehen soll, wissen wir nichts über die Reise. Ohnmächtig, ausgeliefert. Zum Glück ist es nur Theater.

Zugleich rücken wir damit in spürbare Nähe zu Geschehnissen, die das Leben vieler Menschen bis heute prägen. Menschen, die dem Theatermacher Jens-Erwin Siemssen davon erzählt haben, der aus ihren Erzählungen das Stück „Flucht/Uciezka“ montiert hat, mit dem er zurzeit durch Polen und Deutschland reist. Erzählungen, deren Dringlichkeit auch über 60 Jahre nach den Geschehnissen spürbar ist.

Auch damals mussten Menschen vor Krieg fliehen, um ihr Leben zu retten, waren als Manövriermasse den politischen Interessen ausgesetzt. Da ist es nur recht und billig, dass wir als Theaterpublikum ein wenig von diesem Ausgesetztsein zu spüren bekommen. Im Güterwagen, aber auch davor, wenn sich auf schlichtem Gestühl an einem entlegenen Gleis eines Güterbahnhofs das Spiel entfaltet. Am Samstag in Hannover spielt zumindest das Wetter mit. Regenponchos und Decken hält „Das letzte Kleinod“, Siemssens Theaterlabel, stets bereit.

Vor der Güterwagenkulisse gibt es zunächst Kindheitsszenen aus den Monaten vor der großen Zäsur, die ihre Verwerfungen in individuelle Biografien ebenso wie in die Weltgeschichte einschrieb. Das Schreckliche kündet sich an – ohne von den Kindern recht verstanden zu werden. In den Schilderungen der heute Alten mischt sich später erworbenes Wissen mit dem naiven Weltblick.

Immer wieder heißt es: „Aussteigen!“

Kabeltrommeln bilden für diese Szenen die einzigen Requisiten, werden zu Auto, Butterfass oder Schaukelpferd: ein typischer Kunstgriff des „Letzten Kleinods“, das in seinen Inszenierungen immer wieder Dinge des Alltags benutzt. In das Idyll bricht die Wirklichkeit des Weltkriegs ein. Mit ausgebreiteten Armen und kindlichem „Di-di-di-di“-Maschinengewehr-Sound stürmt eine Schauspielerin aus dem sechsköpfigen Ensemble die Szene. Die Flucht beginnt. Und auch wenn man von den Dingen weiß, die nicht nur die Kriege der Moderne mit sich bringen, von Hunger über Todesangst bis zu systematischen Vergewaltigungen, ist die Nähe zum Geschehen, das im Weiteren in den Güterwagen spielt, beklemmend. Von einem Wagen zum nächsten geht es, barsch heißt es immer wieder: „Kaliningrad“, „Aussteigen“, „Einsteigen“ und „Dawai, dawai!“.

Der Krieg löst seinem Wesen nach Grenzen auf, bis ein Frieden neue festschreibt. Und die Wanderbewegungen, die er verursacht, führen zu Entwurzelung und Sprachgewirr. Das deutet dieser Abend in Liedern an, die von zwei Musikern auf Gitarre und Akkordeon präzise begleitet werden. Aber auch in Akzenten, die zu hören sind: Das Ensemble ist gleichsam Abbild der Migrationsbewegungen jener Zeiten: Aus Polen, Deutschland, Russland und Kasachstan kommen die Schauspieler, die oft selbst ihre Heimat verlassen haben.

Aber es geht nicht um Authentizität. Es sind Schauspieler, die Texte sprechen, deren Wahrheitsgehalt nur bedingt zu überprüfen ist, die sich sogar widersprechen. Und doch öffnet das Ausgesetztsein, das wir in dieser dringlichen Theaterarbeit erfahren, die Wahrnehmung des Monströsen, das weit über seine Dauer hinaus bis ins Individuum wirkt. Das ist nicht nur buchstäblich bewegendes Theater.

„Flucht / Ucieczka“: Donnerstag bis Montag, Columbusbahnhof, Steubenstraße 7b, Bremerhaven; 23. und 24. August, Museumsbahnhof Bad Bederkesa; 25. und 26. August, Bahnhof Geestenseth, jeweils 19 und 20:30 Uhr, www.das-letzte-kleinod.de

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