Preisträger des 18. Videokunst Förderpreises Bremen zeigen ihre Werke im Museum Weserburg

Die Welt in den Augen eines Bratens

Blick auf zukünftige Nahrung: Roland Eckelt während des Drehs.

Von Mareike BannaschBREMEN (Eig. Ber.) · Ein Sonntagsbesuch bei den Eltern, das bedeutet neugierige Verwandte und ein großes Essen. Nicht nur bei Familien auf dem Land steht meistens Braten auf dem Speiseplan: nach Möglichkeit vom Rind. Wie das Leben des Hauptgerichts verlaufen ist, steht dabei nur selten zur Debatte. Solange es schmeckt, ist eine Erinnerung an das lebende Produkt und seine langen Wimpern eher hinderlich. Zumindestens für Zartbesaitete.

Die Ausstellung zum Videokunst Förderpreis Bremen zeigt prämierte Arbeiten aus dem vergangenen Jahr. Die neuen Preisträger wurden gestern Abend bekannt gegeben (siehe Meldung auf dieser Seite). In seiner Arbeit „Movement“ zeigt Roland Eckelt in der Weserburg die Welt aus Sicht der Kühe und wirft eine neues Licht auf den Teller. Ausgangspunkt ist dabei das sogenannte Low Stress-Stockmanship. Bei diesem Verfahren werden die Tiere ohne jegliche Form von Gewalt oder Stress von einem sogenannten Rinderflüsterer zusammen getrieben.

Rinderflüsterer, das klingt zunächst wie einer dieser Berufe die niemand braucht. Eine neue Modeerscheinung von esoterischen Stadtmenschen entwickelt. Tatsächlich bedient sich dieser Experte jedoch der Körpersprache der Kühe und kann sie dadurch nach Belieben dirigieren und steuern. Sanfter Umgang mit zukünftigen Lebensmitten.

Roland Eckelt überführt dieses Verfahren in eine Videoinstallation, die sich auf zwei Wänden abspielt. Auf der ersten ist in grün die Außenansicht dargestellt. Mit starrer Perspektive zeigt sie einzelne Tiere, wie sie im Gras liegen oder langsam umherwandern. Eine Szenerie, die abgesehen vom grünen Farbton, jeder Betrachter schon an die tausend Mal gesehen hat. Vermutlich im Vorbeifahren und ohne sie wirklich wahrzunehmen. Wer hält schon an, um sein Essen zu betrachten?

Erst die zweite Wand macht die Installation komplett. Zwei Blickwinkel sind übereinander gelegt. Die der Kuh (rot) und die des Bauern (blau). Durch die Farben ergibt sich ein diffuses Mittelbild. Die Linien lassen sich nicht klar abgrenzen, Betrachterpositionen nicht definieren. Abhilfe schaffen spezielle Brillen, die von der Rathenower Optik GmbH (besser bekannt als Fielmann) extra angefertigt wurden.

Mit dem Blick durch rosarote Gläser öffnet sich eine verborgene Welt. Der Betrachter spaziert durch die Herde, rings herum die Laute der eigenen Artgenossen. Hertha (so heißt die Kamerakuh) ist unentschlossen. Ihr Kopf ruckt nach unten und zur Seite. Vielleicht ein bisschen Gras oder doch lieber ein wenig Ruhe auf der Wiese? Der Alltag als Kuh plätschert unspektakulär dahin.

Setzt der Betrachter die blaue Brille auf, ändert sich schnell die gesamte Atmosphäre. Hatten sich die übrigen Herdenmitglieder zuvor nicht wirklich bewegt, so springen sie jetzt auf. Keine Kuh bleibt liegen, wenn der Bauer naht. Offensichtlich wissen sie bereits, dass der Weg in den Coral und irgendwann zum Schlachthof führen soll.

Die veränderten Perspektiven machen es deutlich: Sobald der Mensch auftaucht, ist das friedliche Leben der Kuh vorbei. Statt zu fressen oder auf der Wiese zu liegen, muss sie sich in Bewegung setzten. Ihre kleine Welt wird in Unruhe versetzt. Zunächst führt der Weg nur in den Coral. Von dort jedoch ins Schlachthaus und dann auf den Teller. Ein Nutztier zu sein, ist wahrlich kein Zuckerschlecken.

Roland Eckelt zeigt mit seinen Videoinstallation nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben einer Kuh. Er nötigt dem Betrachter auch Respekt ab. Respekt für eine Kreatur, die wenn überhaupt nur eine begrenzte Ahnung davon hat, dass sie eines Tages auf unserem Teller enden wird. Die Distanz zwischen Produkt und Konsument schwindet. Einmal eine Kuh zu sein und wenn auch nur für wenige Minuten, veränderten die Perspektive. Man ist fast gewillt Vegetarier zu werden. Oder doch zumindest beim Biobauern einzukaufen.

Viel Text zeigt der zweite Preisträger. In „Code Unknown“ bringt Mario Pfeifer den Auszug eines Drehbuchs an die Wand. Dies basiert auf dem Film „Code Inconnue“ von Michael Haneke. Ausgehend von einer Filmszene hat Pfeiffer die Handlung und Dialoge aufgeschrieben. Und damit nicht nur die Sicht der Dinge geändert. Auch ein Teil der Dialoge ergänzt oder variiert der Künstler. Er manipuliert ein bereits existierendes Produkt und schafft dadurch etwas völlig Neues.

Allerdings erschlägt die Masse an Text den Betrachter. Er zieht sich in gleicher Farbe und Größe über mehrere Wände: Man will gar nicht alles lesen. Und das muss man auch nicht. Denn die Quintessenz durchbricht die Wortflut in der Größe eines Filmplakats. Aussagen von einer Pressekonferenz Hanekes werfen fundamentale Fragen auf. „Is Truth The Sum Of What We See And Hear“? Eine gute Frage. Obwohl Haneke hier mehr warnt als fragt. Selbst offensichtliche Dinge müssen immer zweimal betrachtet werden: Ein Plädoyer für offene Skepsis.

Den Film zum Drehbuch findet der Betrachter an der nächsten Wand. Zunächst ist dort die geschilderte Szene zusehen, an die sich ein Blick ins Tonstudio anschließt. Dort bearbeiten die beiden Hauptdarsteller noch einmal ihre eigene Leistung. Das scheinbar perfekte Bild der Filmindustrie bekommt Risse.

Obwohl beide Preisträger unterschiedliche Ansätze wählen, scheint eines klar: Nichts ist so wie es scheint. Eigentlich nichts Neues, dennoch verändert es zumindest die Bedeutung des Sonntagsbratens nachhaltig.

Die Ausstellung ist noch bis 9. Januar 2011 in der Weserburg zu sehen.

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