Welche Sprache, welche Kraft: Große Lyrik bei „poetry on the road“ in Bremen

Das letzte Wissen ist leer

Die Erde wird dich nicht vor deiner Dummheit warnen: TJ Dema im Theater Bremen.
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Die Erde wird dich nicht vor deiner Dummheit warnen: TJ Dema im Theater Bremen.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Der erste Weg zur Selbsterkenntnis ist die Selbstbeobachtung. Lyrik, sagt Festivalleiterin Regina Dyck am Freitagabend im Theater Bremen, rege neuesten Studien aus der Hirnforschung zufolge insbesondere jene Bereiche unseres Denkorgans an, die für diese Selbstbeobachtung (Fachwort: „Introspektion“) zuständig seien. Nun sind naturwissenschaftliche Einordnungen von Kunst mit Vorsicht zu genießen, aber dass Gedichte eine therapeutische Wirkung zu entfalten vermögen, dieser Verdacht dürfte schon weitaus länger bestehen als die Hirnforschung.

Am Freitagabend wurde das Literaturfestival „poetry on the road“ eröffnet. Wie immer in der nun 16 Jahre währenden Geschichte dieser Veranstaltung waren Dichter aus aller Welt zu Gast, in Deutschland weitgehend unbekannte wie die Botswanerin TJ Dema und große Namen wie Durs Grünbein oder auch Gerhard Rühm. Und wie immer schwelte im Publikum immer auch die Hoffnung darauf, einer von ihnen möge mit wenigen Versen so etwas wie ein Rezept verschreiben gegen die mentalen Krisen unserer Zeit. So manches Mal ist diese Hoffnung schon erfüllt worden bei „poetry on the road“ – selten aber so eindrucksvoll wie diesmal.

Das ging schon los mit der atemberaubend kraftvollen Sprache TJ Demas. Von einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ hatte Moderatorin Silke Behl zuvor etwas undurchsichtig gesprochen. Beim Vortrag sollte sich zeigen, was sie damit gemeint hatte. In Demas Lyrik fallen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftserwartung in geheimnisvoller Weise zusammen. Das Diktat der Zeit gerät ins Wanken, ein Leben, das sich ganz dem Morgen verschreibt, erscheint ebenso fragwürdig wie jenes, das noch dem Gestern anhängt. „Ich werde keine Zukunft betrauern, die ich nie hatte“, heißt es darin. Und wer glaubt, das Nachdenken über den Sinn seiner Existenz ins Irgendwann verschieben zu können, muss erfahren: „Die Erde wird nicht zusammenstürzen und dich vor deiner Dummheit warnen.“

Obgleich im Stil verschieden, so offenbart das Lyrische Ich in Michael Krügers Gedichten doch frappierende Ähnlichkeiten zu dieser Wahrnehmung. Auch hier ringt der Mensch mit den zeitlichen Antipoden seines Daseins, mit der Vergangenheit und mit der Zukunft: „Es dauert lange, bis man begreift, dass einen die Bäume überleben, der Falter dagegen, trotz seiner Schönheit, nicht.“ Freilich ist in diesem Leiden an der Begrenztheit des Lebens ein spezifisch deutscher Schmerz nicht zu verkennen. „Schuld, immerzu Schuld“, entfährt es da etwa dem „Alten Mann unterm Apfelbaum“. Und der Poet an seinem „Schreibtisch in Allmannshausen“ rätselt darüber, wie es sein kann, dass in dieser Münchner Idylle einst Hitlers Lieblingsautor Hanns Johst „die Worte zuflogen“.

Für Bei Dao aus China ist „die Erinnerung ein Despot, sie hält sich an keinen Zeitrahmen“ – ein Satz, der sich so auch bei Krüger finden könnte. Allein das Wissen um die Autorschaft macht aus dem potenziellen Dokument des deutschen Schuldkomplexes einen Satz auf dem Grat zwischen privater Selbstreflexion und politischer Subversion. Wie ein Seiltänzer bewegt sich Bei zwischen diesen Kategorien. Indem er immer die eine durch die andere hindurchscheinen lässt, kreiert er gewaltige Sätze. „Man muss den Hintergrund ändern, erst dann gibt es eine Heimkehr für dich“, lautet so einer. „Der Tod betrachtet ein Bild stets von der Kehrseite.“ Oder: „Das letzte Wissen (…) ist leer.“

Selbstverständlich ist auch das Lachen eine Therapie, vielleicht sogar die anspruchsvollste, weil die Komik keinen Fehler verzeiht, kein nur halbes Gelingen. Großartig gelingt das Nicolas Mahler mit einer Präsentation seiner extrem reduzierten Graphic Novels. Die Menschheit schrumpft darin zu einem Männchen, die Welt zu ein paar Röhren oder Wänden. Mittels gegensätzlicher Begriffspaare entlarvt Mahler die Lebenslügen unserer Zeit. Dann blickt unter dem Titel „Einsamkeit“ ein trauriges Männchen auf einem tristen Haufen Röhren ins Leere – unter „Gesellschaft“ jedoch lässt sich nichts Erbaulicheres erkennen, als dass die schnöden Röhren nun aufrecht im Raum verteilt stehen.

Ähnlich gewitzt (wenn auch mit musikalischen statt bildlichen Mitteln) spiegelt Nora Gomringer die Befindlichkeiten unserer Zeit, parodiert den Perfektionsdrang im Sexualverhalten wie überzogene Erziehungsideale. Einzig Durs Grünbeins Lyrik bleibt blass an diesem Abend: eine nicht mehr als solide Betrachtung von Alltagsphänomenen, manche mit recht bemühten Pointen.

Der ganz große Auftritt bleibt am Ende Gerhard Rühm vorbehalten, legendärer Mitbegründer der „Wiener Gruppe“, die in den fünfziger Jahren den Dadaismus wieder aufleben ließ. Rühm, mittlerweile 85, rezitiert erst raffiniert komponierte Dreizeiler („Das ewige Eis geschmolzen. Die ewigen Wälder abgeholzt. Das ewige Leben zu kurz.“) und extrem verdichtete reine Reime („Bängste Ängste hegten Hengste…“), ehe er mit seiner Partnerin Monika Lichtenfeld zwei seiner lautpoetischen Meisterwerke intoniert: hochironische Verarbeitungen von Zeitungsmeldungen, verräterische Parodien auf die Launen und Schwächen des modernen Menschen. Rühm findet gar kein Ende, schiebt gar noch zwei grandios schwarzhumorige Chansons hinterher: beeindruckendes Finale eines großartigen Abends.

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