Stadtteiloper der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen: Tschaikowskys „Iolanta“ in Tenever

Welch Ode an die Liebe!

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Vielschichtigkeit und Spiegelung: „Iolanta“ hatte am Donnerstagabend in Tenever Premiere. ·

Bremen - Von Corinna LaubachKehrt da nicht irgendwann die Routine ein? Nasenrümpfende Skeptiker werden eines Besseren belehrt. Und wie! Dass eine Wiederholung nicht mit Abnutzung, sondern stetiger Steigerung verbunden ist, konnte man eindrucksvoll in Tenever erleben.

Es ist nach wie vor nicht gerade Bremens erste Adresse, aber eine, über die man spricht. Seit einigen Jahren auch in kulturell höchsten Tönen.

Seitdem sich Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen in der Gesamtschule Bremen-Ost einquartiert und dort mit dem Zukunftslabor etwas inszeniert hat, das soeben den „Echo Klassik“ einbrachte, ändert sich die Wahrnehmung. Auszeichnungen, die das Orchester natürlich freuen, aber der Preis stehe vor allem für andere, sagt Geschäftsführer Albert Schmitt. Für die Schüler und Bewohner des Stadtteils, die sich gemeinsam mit dem Orchester in Projekten engagieren und für die Kraft der Musik begeistern lassen. Tschaikowskys Oper „Iolanta“ ist solch ein Vorhaben. Als nunmehr vierte Stadtteil-Oper feierte das Werk am Donnerstagabend seine Premiere – und entzündete ein emotionales Feuerwerk.

Klassische Musik und Osterholz-Tenever, längst sind sie eine ganz enge Symbiose eingegangen. Und so verwundert es nicht, dass der jüngste Streich „Iolanta“ nicht nur wegen der reibungslosen Zusammenarbeit aus Profimusikern, Schulorchester und 300 Schülern zum Staunen verleitet. Tschaikowskys Oper kommt frisch, fantasiereich und hoch professionell daher. Mit großer Ernsthaftigkeit und Präsenz überzeugen alle Musiker, Sänger und Darsteller – egal, ob Laie oder Profi.

Insbesondere diese charmante Mischung macht das Opern-Erlebnis vor der Hochhauskulisse so spannungsreich. Gut 90 Minuten liefert die Geschichte um die blinde Iolanta, die durch die Kraft der Liebe das Sehen lernt, einen Reigen wunderschöner Momente. Da wäre zum einen die Kulisse. Carsten Mohr (Bühnenbild) und Christin Bokelmann (Kostüme) verwandeln das Zeltinnere mit wenigen, aber sehr effektvollen Mitteln in einen wunderschönen Zaubergarten, Iolantas Zufluchtsort. Wenige Requisiten reichen Regisseurin Julia Huebner für gelungene Bilder. Sie vereint die große Darstellerschar mühelos zu echtem Rollenspiel, jeder bekommt seinen Platz und sei es in einer noch so kleinen Rolle. Ihre Inszenierung gefällt vor allem durch die schöne wie wirkungsvolle Idee der Vielschichtigkeit und Spiegelung. So gibt es nicht nur Iolanta in diversen Altersausgaben zugleich auf der Bühne.

Das andere ist die Musik. Alexander Shelley führt die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen souverän durch Tschaikowskys Komposition, bringt die Szenen zum Leuchten. Harmonisch fügen sich die Neu-Kompositionen von Karsten Gundermann in das Opern-Werk ein, und es wirkt keineswegs aufgesetzt, wenn das Orchester plötzlich zum Pop bläst.

Besondere Glanzpunkte setzen die Sänger in dieser Oper. Alexander Vassiliev (König René) betört mit seinem warmen Bass, Alexey Kosarev und Nerita Pokvytyte begeistern als Alter Ego der zwei Verliebten Iolanta und Vodemon – eine effektvolle zusätzliche Regieidee. Kosarevs feiner Tenor und Pokvytytes lyrischer Sopran sorgen im eindringlichen Duett für den Glanzpunkt des Abends. Welch Ode an die Liebe, an das Leben und die Musik!

In insgesamt neun Szenen zaubern alle Beteiligten ein Stück Opern-Magie in das gigantische Zelt auf den „Grünen Hügel“ Tenevers. Die Anspielung auf Bayreuth ist keineswegs hanseatischer Größenwahn. „Iolanta“ kann sich sehen und vor allem hören lassen. Und Skandale sucht man in dieser Produktion vergebens. Wobei – 90 Minuten sind in diesem Fall eindeutig zu wenig. Der Zauber hätte noch länger gehen können.

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