Weinbergs Oper „Der Idiot“ in Oldenburg – ein gescheiterter Versuch

Muff in St. Petersburg

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Kalt ist‘s in St. Petersburg: Fürst Leo Nikolajewitsch Myschkin (Zurab Zurabishvili) und Lebedjew (Paul Brady) kämpfen in Oldenburg mit Stereotypen und Klischees.

Oldenburg - Von Mareike Bannasch. Leicht hat er‘s nicht, der Fürst Myschkin. Jahrelang hat er in einem Sanatorium in der Schweiz gesessen, fernab von jeglicher Realität. Und nun endlich in Freiheit ist ihm nur noch kalt. Frierend sitzt er da im Wartesaal der Wortlosen, denen übrigens auch allen kalt ist. Aber immerhin haben sie Mäntel an oder sich zumindest unter eine alte Häkeldecke gekuschelt.

Großes haben sie sich da vorgenommen am Oldenburgischen Staatstheater. Als zweites Haus der Republik bringen sie Mieczyslaw Weinbergs Oper „Der Idiot“ auf die Bühne. Ein Werk, das lange niemand kannte, und das im Oldenburger Spielplan zwischen Mozart und „Evita“ den Versuch markiert, im Musiktheater den ganz großen Wurf zu landen. Bei dem Versuch bleibt es dann leider.

Ein Fremder, zugebenermaßen etwas naiv, der Empfindungen und Verständnis für seine Mitmenschen zeigt und an der Kälte der Gesellschaft scheitert. Dostojewskis Roman ist großer Stoff, vielleicht sogar große Oper. Zumindest ist es Weinbergs Komposition, die an diesem Abend so richtig überzeugt. Unter der Leitung von Vito Cristófaro schwört das virtuos aufspielende Oldenburgische Staatsorchester bereits mit dem ersten Takt die nahende Katastrophe herauf. Statt langer Ouvertüre gibt es nur Stille, unvermittelt von Dissonanzen unterbrochen – und schon ist klar, dass das alles kein gutes Ende nehmen wird.

Im weiteren Verlauf zeichnen vor allem Leitmotive Weinbergs späte Oper aus. Jede Figur trägt ihre Erkennungsmelodie mit sich herum, die mit den anderen verwoben und vom Orchester gespielt wird, sobald von der betreffenden Person die Rede ist – manchmal sogar davor. Mit Blick auf sich anbahnende Duette sind Oboe und Klarinette den Darstellern häufig einen Schritt voraus und blicken bereits auf den nächsten Akt.

Auch wenn sich in der Musik Weinbergs sein Vorbild Schostakowitsch durchaus erkennen lässt, trägt die Partitur außerdem immer wieder Elemente traditioneller russischer Folklore in sich. Diese treten besonders dann zutage, wenn Lebedjew, der korrupte Beamte, dem Unglück auf die Sprünge hilft und für einen melodischen Moment des Wohlgefallens sorgt.

Ein Gefühl, dass sich mit Blick auf die Inszenierung so gar nicht einstellen will. Hier bleibt die Inszenierung von Andrea Schwalbach eng am Original und lässt die Möglichkeit einer weiter gedrehten Inszenierung verstreichen. Stattdessen verstrickt sie sich haltlos in Klischees der Extraklasse, die fast ans Provinztheater erinnern. Die Handlung spielt in St. Petersburg? Dann muss auf jeden Fall Kunstschnee rieseln. Die russische Metropole hat Probleme mit den Finanzen? Klar, dass auch die güldene Tapete an der Wand im Hintergrund (Ausstattung: Anne Neuer) ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hat. Ein betulicher Muff ist es, der sich da breit macht und den man eigentlich schon lange hinter sich gelassen glaubte. Und der bestenfalls als eine Art Verständnishilfe fungieren kann, die man aber eigentlich lieber an anderer Stelle gehabt hätte.

Denn Schwalbachs sklavisches Kleben an der Vorlage bedeutet eben auch, dass es mitunter schwierig ist, zwischen all den Darstellern den Überblick zu behalten. Ganz zu schweigen von der Frage, wer hier wen liebt und warum. Dabei hätte man schon mit dem Dreigestirn Myschkin (Zurab Zurabishvili), Rogoschin (Daniel Moon) und Nastassja (Irina Oknina) genug zu tun.

Allerdings bleiben auch deren Darsteller merkwürdig unterkühlt, fast so als hätten sie sich in ihrem Spiel den St. Petersburger Temperaturen angepasst. Besonders Irina Oknina bleibt hinter den Erwartungen zurück, singt allzu routiniert ihre Partie. Die Verzweiflung einer Frau, die von allen mehr als Ware behandelt wird, die glaubt, die wirklich wahrhaftige Liebe nicht verdient zu haben? Sie findet sich hier allenfalls in lamentierend gehobenen Armen wieder, große Gefühle sehen anders aus. Natürlich macht es ihr das Libretto, das eher als eine Ansammlung von Textfetzen auftritt, nicht wirklich leicht. Aber gerade deshalb hätte ihrer Figur mehr Ausdruck, ja vielleicht auch Theatralik gut getan. Fehlende Leidenschaft, dieses Problem hat auch Daniel Moon, dessen Rogoschin laut Programmheft ein zerstörerischer Charakter ist. In Oldenburg allerdings wirkt er mehr wie ein zahnloser Tiger, der nur für einen kurzen Moment Emotionen aufblitzen lässt. Ansonsten konzentriert er sich auf heruntergezogene Mundwinkel.

Einen wohltuender Gegenpunkt dazu bildet Paul Brady. Er gibt Lebedjew, einen Beamten, der in der Romanvorlage eigentlich eine untergeordnete Rolle spielt. Hier aber ist er der Marionettenspieler, der alle Fäden in der Hand hält, oder genauer gesagt alle Seilwinden. Er ist es, der das Bühnenbild ändert, den Nebenrollen ihren Einsatz gibt und die Handlung ein ums andere Mal ins Rollen bringt. Herrlich, wie Brady mit klarer Stimme den eitlen Fatzken gibt, der neckisch seine Haarsträhne hinters Ohr streicht und angesichts der Wirrungen um ihn herum nur den Kopf schütteln kann. Eine großartige Leistung, die deutlich zeigt, wie viel mehr hier möglich gewesen wäre.

Nächste Vorstellungen: Freitag, 30. Januar, und Donnerstag, 19. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.

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