Der Kunstverein Hannover erkundet in „Digital Archives“ Grenzbereiche der neuen Technologien

Wehe, wenn er losgelassen

Was der Bot im Darkweb einkauft. - Foto: Helmhaus Zürich

Hannover - Von Jörg Worat. Um die schöne neue Technikwelt kommt man zurzeit in Hannover nicht herum. Auf dem Messegelände läuft die „Cebit“, im Schauspielhaus hat Rainald Grebe gerade den letzten Teil seiner „Anadigiding“-Trilogie angeschoben (wir berichteten). Und im Kunstverein Hannover sind die „Digital Archives“ eröffnet worden – als Kathleen Rahn 2014 Direktorin des Hauses wurde, wollte sie regelmäßig just zu dieser Jahreszeit themengebundene Ausstellungen zeigen. Die letztjährige war schon sehr manierlich, diese legt aber noch ein paar kräftige Schippen drauf.

Die Welt der Bits und Bytes nimmt in immer größerem Umfang Einfluss auf unser aller Leben – wie viel wir davon mitkriegen, steht auf einem anderen Blatt. So loten denn auch mehrere der acht Positionen in dieser Schau Grenzbereiche aus. Gleich zu Beginn zeigt der New Yorker Trevor Paglen, was eigentlich keinem Normalsterblichen vor Augen kommen soll. Auf einem atmosphärisch anmutenden Himmelsfoto ist bei genauer Betrachtung eine Lichtspur zu erkennen – sie stammt von dem Überwachungssatelliten „USA 129“, der alle 97 Minuten mit eingebauter Gesichtserkennung den Erdball umkreist. Und die scheinbar beliebigen Worte, die da in alphabethischer Folge auf eine Wand geschrieben sind, markieren Codebezeichnungen aus geheimdienstlichen und militärischen Operationen. Was besonders absurd wird, wenn sie so putzige Formen annehmen wie „Hushpuppy“ (ein frittiertes Maismehlbällchen).

Auch den nächsten Raum bespielt Paglen, nämlich mit Filmaufnahmen von Hochsicherheitszonen der NSA sowie des britischen Nachrichten- und Sicherheitsdienstes GCHQ. Die Bauwerke in durchaus idyllischer Landschaft erinnern an einen Science-Fiction-Film, haben aber zweifellos eine eigene Ästhetik. Dies trifft teilweise auch auf die Orte zu, die der Schweizer Yann Mingard fotografiert hat: Datenzentren in seinem Heimatland und in Schweden. Eine unscheinbare Aufnahme zeigt ein Reagenzglas, das es allerdings wortwörtlich in sich hat: Hier sind Daten in Form von DNA-Molekülen gespeichert, und das kaum sichtbare Fitzelchen in diesem Glas soll dem Inhalt von einer Million CDs entsprechen.

Ingo Günther wiederum macht statistische Daten greifbar, indem er Inhalte zu unterschiedlichen Themen auf Globuskugeln überträgt: So lassen sich Weltreisen in Hinblick auf die Lebenserwartung unternehmen, zu Ballungsgebieten des Waffenhandels oder zum Verhältnis von Firmeneinkommen und Bruttoinlandprodukt.

Der letzte Raum zeigt eine ziemlich durchgeknallte Installation der „!Mediengruppe Bitnik“. Das Schweizer Kollektiv hat einen Bot mit dem Bitcoin-Äquivalent von wöchentlich 100 Dollar ausgestatten, um im Darknet – also jenem Teil des Internets, der für Unwissende nicht zugänglich ist – nach dem Zufallsprinzip einkaufen zu gehen.

Da die Schweizer Staatsanwaltschaft nach der ersten Präsentation in Sankt Gallen sowohl den Bot als auch den Warenkorb einkassierte, sind jetzt Bilder und skulpturale Reproduktionen der erworbenen Artikel zu sehen, darunter gefälschte Markenkleidung, Tabletten und ein Bund mit Generalschlüsseln. Die hochinteressante Frage nach den Folgen von „eigenmächtig“ handelnden Computerprogrammen und der entsprechenden Haftung greift übrigens auch eine Podiumsdiskussion am 23. März auf, bei der es ab 19 Uhr um „Die Algorithmisierung der Finanzmärkte und ihr Risiko“ geht.

Klingt alles danach, als müsse der Besucher für diese Ausstellung eine ganze Menge Wissen entweder mitbringen oder vor Ort erwerben? Stimmt schon, die reine Sinnlichkeit vieler Exponate hält sich zumindest in Grenzen. Aber die Beschäftigung mit diesen Themen ist durchaus zu empfehlen. Weil sie jeden von uns betreffen.

Bis 29.5., Kunstverein Hannover, dienstags bis samstags von 12 bis 19 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 19 Uhr. Während der Cebit (bis 18. März) und der Hannover Messe (26. bis 29. April) ist der Kunstverein bis 21 Uhr geöffnet und bietet bei Vorlage eines Messetickets ermäßigten Eintritt an.

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