Von wegen sauberer Krieg 

Linnea George brilliert an der Shakespeare Company im Gastspiel „Grounded“

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Gefangen im Grau: Linnea George zeigt in „Grounded“ einmal mehr, dass Krieg immer Opfer zurücklässt.

Bremen - Sie sind überall. Unsichtbare Überwacher, die niemals müde werden. Jeden Tag haben sie ein Auge auf die junge Frau – und alle anderen Menschen. Zumindest glaubt sie das. Sie, eine F-16-Kampfjetpilotin, die einst jeden Tag aufs Neue ins Cockpit kletterte, um dem grenzenlosen Blau ganz nah zu sein. Doch das war einmal. Die Weite des Himmels ist, längt engem Grau und Tod gewichen.

Es ist keine leichte Kost, die die Shakespeare Company ihren Zuschauern im aktuellen Gastspiel „Grounded“ anbietet. Das englischprachige, auch für Nicht-Muttersprachler geeignete Ein-Frau-Stück von George Brant ist Teil der Reihe „English Theatre by the bremer shakespeare company“ und behandelt ein höchst aktuelles Thema: Drohnenkriege. In Zeiten, in denen immer weniger Nationen bereit sind, ihre Söhne und Töchter in den Kriegsgebieten sterben zu sehen, greift nicht nur die amerikanische Armee verstärkt zur Fernsteuerung, um angebliche und tatsächliche Terroristen zu töten. Eine Art der Kriegsführung, die effektiver sein soll, angeblich weniger Geld und natürlich Opfer kostet. Zumindest auf der Seite der Guten. Doch ist das wirklich so? „Grounded“ lässt an dieser Argumentation erhebliche Zweifel aufkommen.

90 pausenlose Minuten lang kann das Publikum einer grandiosen Linnea George dabei zuschauen, wie sie von der toughen Pilotin zu einer seelisch massiv geschädigten Frau wird, die überall Bewacher vermutet – und mit jeder Arbeitsschicht mehr den Halt verliert. Nachdem sie ungewollt schwanger wurde, muss sie zwar nicht die Fliegermontur ausziehen, den Kampfjet aber trotzdem stehen lassen. Statt hoch oben in der Luft über allem zu schweben und die Folgen ihrer Bomben nie zu Gesicht zu bekommen, starrt sie nun zwölf Stunden in einem vollklimatisierten Container auf einen Bildschirm. Eine Monotonie, die nur vom Drücken des Auslösers unterbrochen wird – und dem Blick auf das, was sie da gerade angerichtet hat. So eine Drohnenpilotin fliegt nach dem Auslösen der todbringenden Fracht nämlich nicht weg. Nein, sie schwebt weiter über dem Schlachtfeld, schließlich muss sie sichergehen, dass auch alle Ziele, meistens Männer im militärfähigen Alter, getroffen worden sind.

Eine Konfrontation mit den Konsequenzen des eigenen Handelns, die sich nicht lange ausblenden lassen und die Pilotin bis nach Hause begleiten. Dort, wo ihre kleine Tochter Samantha und Mann Eric jeden Abend auf sie warten. Und statt in irgendeiner Kaserne mit den anderen Piloten den Einsatz des Tages über einem Bier abzuhaken, versucht sie die heimische Idylle aufrecht zu erhalten – während die post-traumatische Belastungsstörung immer schlimmer wird.

Es ist ein reduziertes Setting, in dem das Publikum dem Verfall einer starken Frau zugucken kann: Statt im Zuschauerraum Platz zu nehmen, hat es Regisseur Markus Herlyn in senkrechten Reihen mitten auf der Bühne platziert. Für Linnea George bleibt nur ein Streifen, an dessen Ende jeweils ein Stuhl steht, Symbole der privaten und beruflichen Welt. Und genau dort bildet George eindrucksvoll den Einfluss ab, den Eintönigkeit und tägliches Töten haben.

Spielt sie eben noch beglückt mit dem Nachwuchs und fährt in die Mall, bricht die Idylle wenige Sekunden später in sich zusammen. Mit aufgerissen Augen schreit und wütet sie plötzlich, schwadroniert von ständiger Überwachung und sucht jene Inder, die abgestellt wurden, um die Kaufwütigen zu beobachten. Schließlich kann man ja nicht wissen, ob sich nicht auch im Shoppingcenter Terroristen verstecken. Sagt sie jedenfalls.

Ein Realitätsverlust, der nicht mal vor dem Kinderzimmer halt macht und in einem Finale endet, dass es einem noch einmal eng in der Brust werden lässt. Weil die Folgen des Krieges zum Greifen nah sind, kann sich niemand in Verdrängung flüchten. Stattdessen hämmert die berührende Inszenierung nachhaltig ein, dass sich auch der neue Krieg nicht besser als der alte ist – und viel zu viele Opfer zurücklässt.

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