Von wegen herzig: „Kind“ von „Peeping Tom“

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Hannover - Von Jörg Worat. Eine Produktion namens „Kind“: Geht es da beim Festival „Tanztheater International“ einmal so recht herzig zu? Weit gefehlt – das war allerdings auch nicht zu erwarten, wenn „Peeping Tom“ ihre Finger im Spiel haben. Die belgische Truppe hat in ihrer Familien-Trilogie schon die Themenblöcke „Vater“ und „Mutter“ jeglicher Romantik beraubt und fährt jetzt beim Blick auf den Nachwuchs im Schauspielhaus Hannover die ganz finstere Schiene.

Die Szenerie ist ein Märchenwald mit Gesteinsformationen. Hier sind jedoch nicht Hänsel und Gretel unterwegs, sondern weit merkwürdigere Gestalten – im Verlauf treten unter anderem Leute in Schutzanzügen auf, ein zweibeiniges Reh auf Stöckelschuhen, ein Riesen-Schlauchwurm und Krabbelwesen, die das Gesicht auf der falschen Seite zu haben scheinen. Das Licht ist über weite Strecken fahl, gleich zu Beginn donnert ein mächtiger Felsbrocken zu Boden. Und wenn der Mond aufgeht, will das blutrote Riesengestirn ebenfalls keine behagliche Atmosphäre verbreiten.

Herein radelt Eurudike De Beul, und die ausgebildete Opernsängerin wird, obwohl nicht von zierlicher Gestalt, an diesem Abend wunderbar die Aura des Kleinmädchenhaften verkörpern. Die Umgebung macht ihr das freilich nicht immer leicht. Da ist zum Beispiel der coole Typ mit der Flinte, der nichts Besseres zu tun hat, als den Wanderer abzuknallen, der doch nur den Weg wissen wollte. Nicht genug damit, soll nun auch das Mädel mitschießen, das von dem „Spiel“ zunehmend begeistert erscheint, während die Leiche bei jedem Einschlag einen grotesken Tanz aufführt.

Extreme Bewegungsformen sind ein Markenzeichen von „Peeping Tom“. Die Gesetze der Schwerkraft werden zuweilen in Frage gestellt, vor dem geistigen Auge sieht man das eine oder andere Rückgrat brechen, oder es gibt einen virtuos abgehackten Tanz, der wirkt wie eine Stroboskop-Sequenz ohne Blitze. Ebenfalls typisch ist die massive Einbindung von Schauspiel, Musik und Live-Gesang, wobei die akustische Ebene zwischen Blues, Wagner und Trash-Rock schwankt. Thematisch werden Urängste beschworen, es geht um Vertreibung, um Sexualität, um Gewalt, um Verlust, immer wieder um Unsicherheit. Irgendwann taucht eine Art Waldschrat auf, ein kleines Wurzelwesen, das sich alsbald sehr unterschiedlicher Behandlung ausgesetzt sieht: Hier bekommt es die Mutterbrust geboten, dort wird es mit der Axt malträtiert.

Das Choreografen-Duo Gabriela Carrizo und Franck Chartier ergänzt sein sechsköpfiges Ensemble durch ein Statisterie-Trio – die Einbindung lokaler Laiendarsteller hat bei „Peeping Tom“ Tradition. Am Ende der surrealen Gruseltour röhrt Eurudike De Beul triumphal ihren Namen heraus, das Ende einer schmerzhaften Selbstfindung. Auch das Publikum wird nun sehr laut, verbreitet bricht sich Begeisterung Bahn. Einige dieser Bilder – darunter die Klangbilder – brennen sich in der Tat nachhaltig ins Gedächtnis ein. Während als Minuspunkt hängen bleibt, dass man über die Stringenz in Szenenaufbau und -abfolge hier und da durchaus streiten kann.

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