Weberin aus dem Bauhaus

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen blickt auf das Werk von Anni Albers

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Anni Albers „Epitaph“ aus dem Jahr 1968. Die Arbeit besteht aus Baumwolle, Jute und Lurex.

Düsseldorf - Von Radek Krolczyk. 2019 jährt sich die Gründung des Bauhauses in Weimar zum 100. Mal. Schon im Vorfeld gibt es natürlich allerlei Bücher und Ausstellungen. Erstaunlich viele davon widmen sich den wenigen Frauen am Bauhaus. Dort wechselten die Schülerinnen oftmals nach ihrem Abschluss in die Position der Lehrerin – ein fließender Übergang. Nun klingen die angekündigten Titel wie „Bauhaus-Frauen“, „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ oder „Die Frauen um Walter Gropius“ so, als handele es sich um ein Spezialthema – kreiiert durch die lange öffentliche Nichtbeachtung.

Eine der Ausstellungen dieses Jahres widmet sich Anni Albers, einer zentralen Figur in der Entwicklung der Webkunst. Selten jedoch verstand man ihr Werk tatsächlich künstlerisch, sie galt oftmals als innovative Gestalterin von Gebrauchsstoffen. In der Vergangenheit bezog man sie natürlich oft auf ihren Mann, den Maler Josef Albers. Ihm wurde in Bottrop ein Museum gewidmet, ihr immerhin nun eine dreimonatige Ausstellung in Düsseldorf in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Man sieht daran welch großer Unterschied zwischen Kunstgeschichte und Kunstgeschichtsschreibung besteht. Denn für die Überführung textiler Arbeit in den Bereich der bildenden Kunst bedeutete sie späteren Generationen von Textilkünstlern sehr viel. Ihr Einfluss auf die amerikanische Fiber Art Bewegung der 70er-Jahre oder der heutigen New Materialism, Nähmaschinenzeichnungen und Softsculptures, kann nicht oft genug betont werden.

Den Kunstbezug merkt der Betrachter bereits beim Blick auf Albers’ Gewebe. Die Künstlerin selbst betonte oft den Unterschied zwischen ihren Grebrauchsstoffen und ihren künstlerischen Arbeiten. Man erkennt in den von ihr entworfenen Stoffen schnell die Bezüge zur Malerei des frühen 20. Jahrhunderts, zu Suprematismus, Farbfeldmalerie und später dann zu abstraktem Expressionismus. Ab den 50er-Jahren unternahm Albers zahlreiche Reisen nach Mexiko, von denen sie indigene Textilien mitbrachte. Gewebeart, aber auch Muster und Farben gingen in ihre eigenen Gebrauchstextilien und Stoffbilder ein.

Kunstwerke entstehen zwischen den Ateliers

In den 20er-Jahren war Anni Albers eine höchst aktive Protagonistin am Bauhaus in Weimar – damals ein Konzentrationspunkt der Kunstszene. Betrachtet man die Werke von Paul Klee oder eben Josef Albers aus dieser Zeit, erkennt man schnell den Austausch und die Auseinandersetzung um formale Fragen. Ein Kunstwerk entsteht eben niemals in einem abgeschlossenen Atelier, es entsteht zwischen den Ateliers.

Anni Albers schien es stets um die Eigenart des Webens gegangen zu sein. In ihrem Essay „Arbeiten mit Material“ schrieb sie 1937 im amerikanischen Exil: „Neben Oberflächenqualitäten wie rau und glatt, matt und glänzend, hart und weich umfasst das Weben auch Farbe, und infolge der Gewebekonstruktion als dominierendes Element Textur“. Das war natürlich ein bedeutender Unterschied, zum Beispiel zu Klees lasierenden Farbflächen.

Albers wurde 1899 in Berlin geboren. Sie studierte ab 1922 am Bauhaus in Weimar, dann in Dessau unter anderem bei Laszlo Moholy-Nagy und Josef Albers, den sie 1925 heiratete. Dies ist natürlich auch wieder so eine typische Geschichte, mit der sich lange Zeit die Konzentration auf seinen statt ihren Ruhm begründen ließ. Weberei studierte sie zunächst bei Gunta Stölzl, deren Lehrstuhl sie 1931 schließlich übernahm. Das Weben wurde ihr als Frau nahegelegt und sie nahm diesen Vorschlag zunächst widerwillig an, bevor sie der Möglichkeiten des Webstuhls als materialem Zeicheninstrument gewahr wurde.

Das Ehepaar Albers floh aus NS-Deutschland

Nach der Machtübernahme durch die Nazis flohen Anni und Josef Albers in die USA und unterrichteten an der Reformkunstschule Balckmountain College in North Carolina. Mehrere deutsche Migranten fanden sich dort im Lehrkörper wieder, darunter auch einige Bauhäusler wie Lyonel Feininger und Walter Gropius. 1950 erhielt Josef Albers eine Lehrstelle an der Yale University, das Paar zog aher nach Connecticut, Anni Albers arbeitete dort als freie Weberin, schrieb einige Aufsätze, lehrte und hielt Vorträge. Im Alter widmete sie sich vermehrt der Zeichnung und Grafik auf Papier.

Weben ist eine in vielerlei Hinsicht schwere Kunstpraxis. „Um ein Gewebe herzustellen, bedarf es des Zusammenspiels von Hand, Auge und Maschine sowie der koordinierten Unterstützung des Gehirns, das den Arbeitsablauf versteht, plant und leitet“, schreiben Ann Coxon und Maria Müller-Schareck in ihrem Katalogbeitrag. In ihren Papierarbeiten setzte Anni Albers mit anderen Mitteln ihre Textilarbeit fort, und zeigte deutlich, dass sie ihre Fäden immer schon als Linien verstanden hatte. Sie selbst nannte dies „event oft he thread“, dem „Ereignis der Fadens“.

 1985, also rund zehn Jahre vor ihrem Tod, stellt Albers enttäuscht fest: „Ich meine, wenn eine Arbeit mit Fäden entsteht, dann wird sie als Handwerk betrachtet; auf Papier wird sie als Kunst angesehen. Drucke verliehen mir größere Freiheit der Darstellung. So kommt die Anerkennung leichter und glücklicher, das langersehnte Schulterklopfen“.

Die Retrospektive zu Anni Albers ist in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen noch bis zum 9. September zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, 192 Seiten, 36 Euro.

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