„Washington Square“ in neuer Übersetzung

Ins Verderben therapiert

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Wohlhabender Arzt bewahrt Tochter vor den Avancen eines Luftikus. Das war‘s eigentlich schon mit der Inhaltsangabe zu „Washington Square“, einem der bedeutendsten Romane des amerikanischen Schriftstellers Henry James, erstmals veröffentlicht im Jahr 1881. - Von Johannes Bruggaier.

Man mag den Umfang von rund 250 Seiten ein wenig übertrieben finden für die epische Ausbreitung dieses schlichten Plots. Doch wer dazu neigt, kennt nicht Henry James, den Meister der Bewusstseinsanalyse und psychologischen Ausdeutung. Es geht ihm ums Detail statt um den großen Bogen, um das individuelle Empfinden statt um die äußere Handlung, was insofern paradox ist, als er dem Leser rein formal gar keinen Blick in das Innenleben seiner Figuren gestattet.

Bettina Blumenberg hat den Roman für den Manesse Verlag neu ins Deutsche übersetzt. Herausgekommen ist dabei eine Fassung von überzeugender Tiefenschärfe, ein aktueller James, der ohne Manierismen auskommt.

Dr. Austin Sloper hat es in New York als Mediziner zu einigem Ansehen gebracht. Auch seine ganz private Tragödie, der Verlust von Frau und Kind, vermochte daran nichts zu ändern. Dass er als Arzt dieses Unglück nicht abzuwenden verstand, belastet ihn gleichwohl und dürfte nicht unwesentlich dazu beitragen, seine einzige verbliebene Tochter vor einer weiteren Katastrophe zu bewahren.

Man mag beide verstehen. Zum einen die blasse Tochter Catherine, deren unscheinbares Dasein mit dem Auftritt des charmanten Schmeichlers Morris Townsend plötzlich an Glanz gewinnt. Ebenso aber ihren besorgten Vater, der mit dem Verstand eines Wissenschaftlers die alles andere als abwegigen Verdachtsmomente gegen den jungen Schnösel seziert. Und dann ist da noch Tante Lavinia, Slopers verwitwete Schwester, die sich nur zu gerne einmischt, um ihren ganz persönlichen Hollywood-Streifen zu drehen – mit Catherine und Morris in den Hauptrollen.

Diesen ganz realen Film durch die Augen von Henry James zu rezipieren, bedeutet, das Zweifeln an Regeln der Vernunft zu lernen. Mit rationaler Konsequenz therapiert dieser Arzt seine Tochter ins Verderben. Diese beweist dagegen, dass sich wahre Autonomie erst dort erlangen lässt: in den finsteren Regionen des Lebens.

Ein Roman, sagte Honoré de Balzac, sei nur dann existenzberechtigt, wenn er „ernsthaft versucht, das Leben darzustellen“. Henry James galt dieses Diktum als oberste Maxime. In der nun vorliegenden Neuübersetzung kommt dieses Leben in ungeahnter Plastizität zur Geltung: ein Stück, das im 19. Jahrhundert spielt, tatsächlich aber der Gegenwart entnommen scheint.

Henry James: „Washington Square“, Roman, übersetzt von Bettina Blumenberg, Manesse Verlag: Zürich 2014; 288 Seiten; 24,95 Euro.

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