Warme Rückkehr ins Reich des Lebens: „Hadestour“ in Bremerhaven

Tee statt Pathos

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Ein bisschen böig war‘s an Bord der MS „Geestemünde“. Aber die letzten Dinge des Lebens sollen ja auch nicht angenehm sein.

Bremerhaven - Von Andreas Schnell. Beinahe wäre die „Schiffsfahrt zu den letzten Dingen“ zur Premiere kürzer ausgefallen, weil sie den sicheren Hafen nicht verlassen hätte. Sturmböen waren angesagt. Und dass das Publikum der „Hadestour“ bei der Fahrt über die Weser Richtung Nordenham grüngesichtig über der Reling hängt, anstatt sich wirklich mit den letzten Dingen zu befassen, hätte niemand gewollt.

Ein bisschen böig war's dann aber doch, und ein paar Mal geriet die MS „Geestemünde“ in kräftige Schwankungen. Ein bisschen mulmig versuchen sich die Zuschauer an die Ansprache des Kapitäns zu erinnern, die mit der Seemannsdevise endet: „Don't leave your ship until the ship leaves you.“ Beruhigend.

Aber was erwartet man auch von einer Fahrt zu den letzten Dingen? Wobei: Das Setting dient im Grunde dann doch weniger der Heraufbeschwörung einer Aura der großen Themen, von denen der Tod ja definitiv eines ist. Das unwirtliche Wetter verstärkt vielmehr die Geborgenheit im Salon des Schiffs, in den Isabel Zeumer, Kay Krause und Harald Horváth das Publikum einladen, nachdem das Schiff zu den dräuenden Klängen von „Cris D'aveugle“ (zu Deutsch: Schrei des blinden Mannes) von Diamanda Galas die Schleuse passiert hat. Drinnen ist es warm, die Sitzordnung informell. Eine Collage aus Wolfgang Herrndorfs Sterbetagebuch „Arbeit und Struktur“ und dem Orpheus-Mythos, verschnitten mit Bremerhavener Stimmen (eine Pastorin, eine Hospiz-Schwester, ein Bestatter), einem Bericht über die Trauerfeier für den Torhüter Robert Enke, ein wenig Beckett und einer Prise Galgenhumor bilden die dramaturgische Route, an deren Wendepunkt wir – nach alter Seemannssitte – unsere letzten Wünsche der See übergeben, irgendwo in der Wesermündung, die Lichter der Zivilisation in unbestimmter Ferne: „Die Welt sehen“, „ein heißes Bad“, „ein Glas Champagner“.

Herrndorf hatte, gerade mit „Tschick“ zu einem der erfolgreichsten Gegenwartsautoren geworden, von seiner tödlichen Krankheit erfahren und führte drei Jahre lang in einem Blog Protokoll, zunächst nur für Freunde, nach einem halben Jahr dann öffentlich. Ein Abschied von der Welt, zornig, lakonisch, angsterfüllt. Orpheus musste von Eurydike Abschied nehmen, die jung starb, und die er, dank seiner legendären Sangeskunst, noch einmal aus dem Reich der Toten auslösen konnte. Unter der Bedingung, dass er sich auf dem Weg aus der Unterwelt nicht nach ihr umdrehen durfte. Was dem Liebenden nicht gelang. Dass der Abschied vom eigenen Leben und der von nahen Mitmenschen Parallelen aufweist, hat die Psychologin Erika Schuchardt in ihrem Spiralmodell dargelegt, das die Hadestour strukturiert: Von der Ungewissheit über die Gewissheit mitsamt Verdrängung, Aggression, Verhandlung, Depression, Annahme und Aktivität arbeitet sich der trauernde Mensch zur Phase der Solidarität vor, in der er sich wieder in die Gesellschaft eingliedert.

Stefan Nolte und Oliver Gather, die die theatrale Schiffsfahrt in Szene gesetzt haben, verzichten auf die große Geste, auf das große Pathos, setzen vielmehr auf einen intimen Gestus, der die Rückkehr ins Reich der Lebenden mit einer warmen Geste der Solidarität einleitet, einem Glas Tee, um genau zu sein. So verbindet sich in dieser Inszenierung eine Unausweichlichkeit, ein Ausgesetztsein mit der Notwendigkeit, den letzten Dingen ins Auge zu schauen, spielerisch, aber ernst, mit einer Annäherung an das Unvermeidliche, das, auch wenn es immer individuelles Schicksal bleibt, immer ein gesellschaftlicher Akt ist. Dass Nolte und Gather mit ihrem großen kleinen Ensemble dies so unaufgeregt und zugleich anregend mitzuteilen wissen, macht diesen Abend so wertvoll.

Die nächsten Vorstellungen: Donnerstag, 2. , Dienstag, 14., Dienstag, 21. April, jeweils 19.30 Uhr.

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