Ausstellung zum 37. Bremer Förderpreis in der Städtischen Galerie

An wankenden Wänden

Saubere Dielen: Szene aus „Flat Woman“ von Barbara Dévény. ·
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Saubere Dielen: Szene aus „Flat Woman“ von Barbara Dévény. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Gold! Geld! Als wären sie magnetisch, ziehen die auf dem Boden der Städtischen Galerie blinkenden Münzen jeden eintretenden Besucher gleich zu sich heran. Aus der Nähe dann die Enttäuschung: sind bloß blanke Chips, ohne Zahl und Wappen.

Daneben hängen dann auch noch sechs fernöstlich anmuten sollende Ornamente, drei rot, drei grün. Kitsch aus dem Mandalakurs: Und das soll er also sein, der große Wurf zum 37. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst?

Es ist zweifellos ein kleiner Makel bei Lena Inken Schaefers Werk „5000 to 50.000“, dass es einer grundlegenden Klärung bedarf, soll der Betrachter nicht dem Missverständnis seines ersten Eindrucks erliegen. „5000 to 50.000“ nämlich meint die Werte deutscher Reichsmarkscheine, denen diese schwülstigen Elemente entnommen sind.

Was aussieht wie die bemüht exotische Dekoration einer Küchentapete, ist also in Wahrheit das urdeutsche Design der Reichsmark, und zwar jener Serie, mit der in den zwanziger Jahren die Hyperinflation ihren Anfang nahm. In Schaefers Inszenierung dieses Designs offenbaren sich sowohl das ästhetische Erbe der Kolonialgeschichte als auch die Restbestände des Jugendstils. Vor allem aber zeigt sich darin die Hoffnung, mit der Kopplung dieser Ästhetik mit der heimischen Währung so etwas wie magische Kräfte zu entfalten – als ließe sich mit einem Ornament die Stabilität der Mark beschwören.

Dass sich die Jury für diese Form der Reflexion von Geschichte, Kunst und Gesellschaft am meisten erwärmen konnte, ist verständlich. Gleichwohl könnte man sich den Preis auch für manchen anderen Beitrag in der Bremer Ausstellung vorstellen. Das gilt etwa für Barbara Dévénys Videoinstallation „Flat Woman“. Gezeigt wird darin das Dasein einer Frau mittleren Alters, verortet in einer auf den ersten Blick gewöhnlichen, auf den zweiten tipptopp gereinigten Stadtwohnung. Wir sehen sie beim Teetrinken auf dem Sofa. Wir begleiten sie beim Studieren von Büchern. Wir hören mit ihr gemeinsam die Schritte im Treppenhaus – „Hallo? Ist da wer?“ – und beobachten sie beim eifrigen Putzen des verspiegelten Kleiderschranks.

Hinter all diesem Tun wird eine eigentümliche Wechselbeziehung greifbar: ein Widerspiel von Angst und Sehnsucht, von Streben nach Geborgenheit und gleichzeitiger Furcht vor der Welt da draußen. Es ist ein System von widerstreitenden Affekten, das geradezu exemplarisch für das Leben im städtischen Raum stehen könnte.

Weitaus subtiler, geradezu lässig ironisch, geht Tobias Venditti mit seiner „Fußnote“ vor. Ihm war für diese Ausstellung die künstlerische Bearbeitung einer in den Ausstellungsraum hineinragenden Trennwand vorbehalten.

Doch wer sich der fraglichen Fläche nähert, der muss glauben, dass dem Künstler diese Aufgabe gründlich missfallen hat: Es ist schlichtweg nichts zu sehen, was nach einer wie auch immer gearteten künstlerischen Auseinandersetzung aussehen würde. Minutenlang müht man sich mit der Suche nach des Rätsels Lösung ab, hoffend, dass es bitte nicht (wie schon so oft) in ebendieser sinnlosen Suche selbst verborgen sein möge. Irgendwann fällt der Blick auf die Fuge zwischen Wand und Boden. Und siehe da: Es bewegt sich!

Ein unmerkliches Schwanken hat diese Wand befallen, gerade so, dass es auf den ersten Blick gar nicht, spätestens auf den vierten aber ganz eindeutig zu erkennen ist. Knapper, bescheidener ist diese Fläche noch von keinem Künstler bespielt worden. Und doch zugleich noch von niemandem so aufwendig, so buchstäblich wändeversetzend. Auf diese Weise markiert die „Fußnote“ mit spielerischer Leichtigkeit die fragile Grenze unserer Wahrnehmungsfähigkeit.

In ihrem konzeptionellen Ansatz vermag auch eine Grenzerkundung von Hannah Regenberg zu überzeugen. Die Künstlerin wollte erfahren, wo eigentlich das Lesen endet und das Sehen beginnt: an welchem Punkt der menschliche Dekodierungstrieb schriftlicher Zeichen kapituliert und diese nur noch in ihrer rein figurativen Erscheinung wahrgenommen werden. Man könnte sich von dieser Herangehensweise spannende Einblicke in Prozesse der Bewusstseinsentwicklung versprechen.

Das Ergebnis jedoch fällt bei Regenberg etwas unscharf aus. Flächen unterschiedlicher Abstufungen von Schwarz lassen zwar typografische Wurzeln erkennen. Statt aber den Betrachter in den Irrgarten seiner eigenen Deutungsmechanik zu locken, erstarrt das Bild in seiner Form. Der Witz, von dem Vendittis oder auch Dévénys Ästhetik lebt, wird hier schmerzlich vermisst.

Es ist durchaus bezeichnend, dass sich solche Kritik in dieser Ausstellung meist auf Aspekte der Umsetzung beschränkt. Denn was das intellektuelle Fundament der hier präsentierten Arbeiten betrifft, so gibt es einiges zu entdecken und manches zu lernen: eine wahrhaft preisverdächtige junge Künstlergeneration.

Eröffnung der Ausstellung morgen um 19 Uhr. Bis 4. Mai in der Städtischen Galerie Bremen, Buntentorsteinweg 112. Öffnungszeiten: Di.-Sa. 12-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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