Wandernde Landschaften

Die Deutsche Kammerphilharmonie spielt „Wiener Juwelen“

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Paavo Järvi.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Als Robert Schumann 1839 neun Jahre nach Franz Schuberts Tod in seinem Aufsatz dessen große Sinfonie in C-Dur sozusagen entdeckte, suchte er nach Worten der Begeisterung. „Diese Symphonie“, so schreibt er, „hat unter uns gewirkt wie nach den Beethoven‘schen keine noch“. Und er fährt begeistert fort: „Hier ist, außer meisterhafter Technik der Komposition, noch Leben in allen Fasern, Kolorit bis in die feinste Abstufung, Bedeutung überall, schärfster Ausdruck des Einzelnen, und über das Ganze endlich eine Romantik ausgegossen, wie man sie schon anders woher bei Schubert kennt.“

Die Sinfonie sei „wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals endigen kann und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen“. Um eine Rezension über das fünfte Highlight-Abonnementskonzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zu schreiben, braucht es kaum anderer Worte.

So sehr hat Paavo Järvi in seiner begeisternden Interpretation mit überwachem Orchester den Kern dieses Werkes getroffen, das zunächst als unspielbar abgelehnt wurde – noch 1842 scheiterte eine geplante Aufführung in Wien am Widerstand der Musiker. Die rasanten Tempi, die Klangschönheit, die intensive Spannung der in dieser Zeit noch gar nicht vorstellbaren Modulationen, die Wunder der instrumentalen Verschränkungen, mit denen Landschaftswanderungen suggeriert werden, der atemberaubende Schwung – alles regte zum „Nachschaffen“ an.

„Wiener Juwelen II“ war der Titel des Konzertes, nachdem im Frühjahr „Wiener Juwelen I“ erklang: Wieder mit Christian Tetzlaff, der in diesem Rahmen alle fünf Violinkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart verzaubernd gespielt hat. Tetzlaff hatte 2016 alle Partiten und Sonaten von Johann Sebastian Bach im Sendesaal unvergesslich vorgetragen, ebenso in den „Wiener Juwelen I“ zwei Mozart-Konzerte. Nun also das fünfte Violinkonzert. Tetzlaff schuf mit seinem unverwechselbar silbrigen oder seidenen Ton und seiner glasklaren Artikulation eine betörende Menge kleiner Inseln oder Perlen, die man alle gerne anhalten wollte. Dass trotzdem ein übergreifender Bogen entstand, ist kein Widerspruch, sondern offenbarte den Zuhörern existentielle Welten, zum Beispiel die regelrechte „Einsamkeit“ im Adagio. Einmal mehr beeindruckte Tetzlaffs Begabung und Fähigkeit, Tiefstes zu erzählen.

Für Joseph Haydns Londoner Sinfonie Nr. 102 betonte Järvi das deftig tänzerische, auch den Witz und die Ironie besonders des nicht endenwollenden Schlusses: Es gibt wohl nichts, was Haydn nicht eingefallen ist. In diesem Fall komponierte er einfach das Problem des Abschluss-Findens. Auch dies eine beglückende Einleitung des unvergesslichen Konzertes.

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